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Das Blind Date für das Personalmarketing: Blind Applying

2014-05-19 13.26.34Es ist bittere Wahrheit und nur Personaler mit einer wirklich stark autistischen Ader können abstreiten, dass es Bewerber/-innen mit einem ausländischen Namen, einer „falschen“ Herkunft oder die zu alt, sprich eine fünf am Anfang haben, schwer haben. Vom falschen Geschlecht oder einem zu attraktiven Aussehen ganz zu schweigen. Kein Wunder, werden Stimmen laut, die anonyme Bewerbungen fordern.

Doch auch den Unternehmen geht es nicht viel anders – so kämpfen Arbeitgeber oft mit Imagevorbehalten seitens der Jobsuchenden. Eine ganz andere Form, ja umgekehrte Art von anonymen Bewerbungen, eine lustvolle, spielerische mit einem Schuss Abenteuerlust, hat die Deutsche Telekom initiiert und zusammen mit 17 weiteren internationalen Grossfirmen lanciert: Bei ihrem „Blind Applying“ bewerben sich Praktikanten um einen der begehrten Praktikumsplätze in einem der teilnehmenden Unternehmen. Der Reiz: Für die Bewerbenden ist nicht nur unklar, ob man sich einen Platz ergattern kann, sondern, wenn es klappt, auch bei welchem Unternehmen und in welcher Stadt man „landet“!

Blind Applying

Konkret funktioniert die Idee ganz einfach: Man bewirbt sich um ein in der Regel dreimonatiges Praktikum – und zwar bei einer zentralen Stelle. Natürlich online, Bewerbungsscheiben ist nicht nötig. „Sparen Sie sich zeitaufwendige Floskeln – denn das Anschreiben entfällt. Wir suchen unsere passenden Kandidaten nach Interessensfeldern und Qualifikationen je Praktikumsplatz aus“, heißt es auf der Webseite www.blindapplying.com.

FireShot Screen Capture #002 - 'Blind Applying' - blindapplying_com

Schon mal ziemlich frechmutig – kein Wunder, denn Frank Staffler, die treibende Kraft hinter diesem Projekt, ist natürlich auch Frechmut-Mitautor. Ich habe also einfach mal bei ihm nachgefragt. Frank Staffler ist für das Personalmarketing der Deutschen Telekom zuständig.

Die Idee dahinter: Interview mit Frank Staffler von der Deutschen Telekom

Ein wahrlich frechmutiges Konzept, Frank. Gratulation. Aber wie kommt ihr bloß auf die verwegene Idee, Euch mit Euren Mitkonkurrenten ins Bett zu legen?

Frank Staffler: Ganz ehrlich – wir hatten einfach Lust auf etwas Neues. Wir wollten etwas anderes ausprobieren – den „08/15-Bewerbungsprozess“ revolutionieren, neue Wege gehen. Nicht als einzelnes Unternehmen um die Talente werben, sondern vielmehr gemeinsam Synergien schaffen. Also hatten wir eine Idee – 18 Unternehmen gemeinsam für Studenten. Wir hatten eine Chance und diese haben wir, wie ich finde, ausgezeichnet genutzt.

FrankStafflerIn meinen Augen stehen viele Unternehmen vor ähnlichen Herausforderungen: Ob es ein festverankertes Unternehmensimage oder die fehlende Bekanntheit in den Köpfen der Studenten ist, der Talent-Pool oft aus den gleichen Kandidaten-Typen besteht, etc. Es gibt für jedes Unternehmen individuelle Gründe. Mit Blind Applying gehen wir einen weiteren Schritt auf die Studenten und die “Hidden Talents” zu. Mit abenteuerlustigen Studenten in direkten Kontakt treten und weitere spannende Persönlichkeiten kennen lernen. Das gleiche möchten wir andersherum aber auch den Studenten anbieten: Lernt uns direkt und persönlich kennen: Wer wir sind. Was uns ausmacht. Und wie es ist, mit uns gemeinsam an der digitalen Welt der Zukunft zu arbeiten.“

Die Deutsche Telekom hat Blind Applying initiiert. Wie schwer war es, die 17 weiteren Partner von der Idee zu begeistern? Und: Wie macht man sowas? Einfach mal anrufen?

Frank Staffler: So ähnlich. Die erste Konzeptidee präsentierten wir auf einer Konferenz in Stockholm im Juni 2013. Dort war ein kleiner aber feiner Kreis von innovativen Top-Arbeitgeber vertreten und unser Konzept stieß sofort auf großen Zuspruch. Darüber hinaus nutzten wir die sozialen und persönlichen Netzwerke wie den Queb, um weitere Partner ins Boot zu holen. Das Projekt ist dann fast zu einem Selbstläufer geworden, die Telefone standen nicht mehr still. Wir freuten uns über das große Interesse und Vertrauen und das das Pilot-Projekt auch die Unternehmen überzeugt hat. Denn gemeinsam erreichen wir mehr als alleine. Mit unserem Projekt-Team aus 18 Top-Arbeitgebern und Entrypark haben wir über 20 Köpfe mit jahrelanger Projekt-, Zielgruppen- und Kampagnen-Erfahrung. Die Lust, neben dem Daily Business gemeinsam mit Kollegen der beteiligten Unternehmen länderübergreifend an einer neuen und ungewöhnlichen Idee zu arbeiten, verbindet.“

Wie viele junge Menschen haben sich für einen Praktikumsplatz beworben?

Frank Staffler: „Über 10.200 Studierende aus 250 Ländern und vielen Fachrichtungen wie Economics, Engineering, IT, Law, Natural und Social Sciences luden im vergangenen Herbst auf unserer Blind Applying-Website ihren Lebenslauf hoch – und bewarben sich damit automatisch für ein Praktikum bei 18 Top-Arbeitgeber-Adressen.“

Die Bewerbungen gingen ja zentral ein. Wie muss ich mir die Vorselektion vorstellen?

Frank Staffler: Das Bewerbermanagement und die Vorselektion übernahm unser Partner Entrypark. Nach Sichtung aller Lebensläufe wurden jeweils 20 Lebensläufe an die  teilnehmenden Unternehmen geschickt. Die Firmen selbst haben dann den Recruitingprozess so durchgeführt, wie es bei ihnen Standard ist. Wir, die Telekom, haben letztendlich 3 Bewerber zu einem Telefoninterview und anschließend zu einem persönlichen Gespräch nach Berlin zu unserem Start up Inkubator hub:raum eingeladen – dort findet unser Blind Applying Praktikum statt.“

Ihr habt bei der Deutschen Telekom weit über 100’000 Mitarbeitende. Ist das nicht etwas viel Aufwand für ein paar Praktikumsplätze?

Frank Staffler: „Bei Blind Applying geht es uns 18 Arbeitgebern im Wesentlichen nicht um die Besetzung eines Praktikumsplatzes – Das Praktikum ist letztendlich der Appetizer. Im Kern steht die Pilot-Kampagne für eine neue Herangehensweise mit Kollegen & Partnern für die Generation Y ein neues Angebot bereitzustellen – die Studierenden nach ihren Bedingungen für uns 18 Arbeitgeber zu aktivieren und ihnen dabei einfach mal etwas Gutes zu tun. Das charmante an der Idee für uns Unternehmen ist meiner Meinung nach die Tatsache einer gemeinsamen Kampagne, die für jedes Unternehmen dennoch genug Freiraum für individuelle Zielsetzungen bereit hält. Denn für alle steckt viel Potential in der Kampagne: Ob es das Bedürfnis ist, die Bekanntheit oder das Image der Arbeitgebermarke zu steigern, einen spezifischen Talent-Pool aufzubauen oder aber auch die gesamte Vielfalt des Jobangebotes des jeweiligen Arbeitgebers den Studenten aufzuzeigen. In den meisten Fällen verstecken sich in den großen Unternehmen viel mehr Aufgabenfelder, als es die Bewerber vermuten.

Zudem haben sich alle Unternehmen verpflichtet, jedem Kandidaten,  egal ob er einer der 18 abenteuerlustigen Praktikanten wurde oder für andere Karriere-Angebote der 18 Arbeitgeber interessant ist, eine Antwort zukommen zu lassen. Das heißt, jeder Bewerber erhielt eine personalisierte E-Mail mit weiteren Karriere-Möglichkeiten der 18 Unternehmen – individuell auf sie oder ihn zugeschnitten. Dies waren, je nach Bedarf, Praktika- oder Einstiegsangebote, im Best-Case sogar die direkte Einladung zum Vorstellungsgespräch aber auch Einladungen zu exklusiven Karriere-Events oder zum unternehmenseigenen Talent Pool. Hiermit wollten wir einen weiteren Schritt auf die Studenten zugehen.“

Die meisten Praktika laufen ja in diesen Tagen aus. Wie fällt die erste Bilanz aus?

Frank Staffler: Wer könnte dies besser beurteilen als unsere Praktikanten selbst. Schau einfach einfach in unseren Blog www.blindapplying.com und lies, wie es bspw. Marta in Berlin, Andreas in Sydney oder Katharina in Tokyo ergangen ist und was sie zu berichten haben. ;-).

BlogMarta

Wir persönlich haben uns besonders gefreut, gemeinsam mit unserer Praktikantin Marta, den ersten Geburtstag von Blind Applying in Paris auf dem Future Forum zu feiern. Hier treffen Arbeitgeber auf die neuesten Trends aus dem Bereich Mobile Recruiting und Social Media. Wir bauen ständig neue Dinge für unsere Zielgruppe, laden uns Fachexperten, Consultants, etc. für so etwas ein – warum nicht die Zielgruppe selbst?“

… dann gibt es also eine Fortsetzung?

Frank Staffler: „Selbstverständlich. Sowohl das Feedback der Studenten, der teilnehmenden Unternehmen als auch die Auszeichnungen der Kampagne mit dem HR Excellence Award und dem Trendence Award „Employer Branding Innovation 2014“ hat uns bestätigt: es geht in die zweite Runde für Blind Applying. Unser Partner Entrypark hat bereits den Startschuss für 2014/15 gegeben. Aktuell werden neue Unternehmen angefragt und Praktika gesammelt, damit es im Sommer mit weiteren Überraschungen wieder losgehen kann. Die Deutsche Telekom wird natürlich wieder teilnehmen und ein spannendes Praktikum anbieten“.

Vielen Dank für die ausführlichen Informationen, lieber Frank.

Eine fantastisch gute Idee. Und auch ein starkes Zeichen für eine Art Schulterschluss im Kampf um den Fachkräftemangel.

Bald wird hier Projektinitiatorin Sabine Burmeister berichten, wie Marta, die Blind Applying Praktikantin der Telekom, ihr Praktikum beim Start up Inkubator hub:raum in Berlin erlebt hat.

Bis später also, und: Auf Wiederlesen.

Kommentare ( 5 )

  • Rita Seidel sagt:

    Als ich „Blind Applying“ gelesen habe, hatte ich eine ganz andere Vorstellung von der Idee, die die 18 Arbeitgeber im Kopf hatten. Nach dem Lesen habe ich eher den Eindruck, dass hier „Einstellen mit allen Sinnen“ ausprobiert worden ist.

    Glückwunsch zu dieser tollen Idee! Im ersten Schritt das allzu Menschliche auszublenden, um die Kompetenzen wirklich im Mittelpunkt zu halten und im „Probearbeiten“ des Praktikums Können und Potenzial auszuloten, finde ich großartig.

    Auf Wiederlesen!

  • Ulrich Hermann Kiefer sagt:

    Das Prozedere im Rahmen des ‚Blind Applying‘ – wer wählt wie aus welchen Anteil von circa 500 eingegangenen Bewerbungen aus 250 Ländern die Bewerber aus – blieb im Artikel relativ unklar. Interessant für Studenten ist wohl die einmalige Chance eines weltweit geplanten Praktikums von 3 Monaten zu ergattern. Sicherlich sind die Sponsoren dann für die Reisekosten und die Aufwendungen für Verpflegung und Unterbringung voll aufgekommen. Das ist nicht selbstverständlich in Asien. Glückwunsch zu dieser Idee.

  • Sabine Burmeister sagt:

    Hallo Herr Kiefer,
    danke für Ihre Nachfrage. Zum Auswahlprozess noch ein paar Details 🙂 Jedes Unternehmen hat für das Blind Applying Praktikum die Stellenprofilanforderungen genannt. Mit diesen Kriterien hat unser Partner Entrypark eine Vorwauswahl für jedes Unternehmen getroffen. Die Anzahl blieb dabei den Unternehmen überlassen. Im Anschluss durfte jedes Unternehmen drei Bewerber zum jeweils im Unternehmen vorgesehenen Auswahlprozess (Telefoninterview, Bewerbungsgespräch oder AC) einladen. Daraus ermittelte sich dann der/die Blind-Applying-Kandidat/in. Des Weiteren steht der Talent Pool für alle Unternehmen zum Active Sourcing bereit. Jeder Studierende erhielt Anfang 2014 eine E-Mail mit 18 Nachrichten der jeweiligen Unternehmen (ob weitere Stellenprofile, Einaldungen zum unternehmensinternen Talentpool etc.). Wir freuen uns schon auf den Startschuss der Blind Applying-Kampagene 2014/15. Dann heißt es wieder für alle Studenten: „Jump into a career adventure you’ll never forget“.
    Viele Grüße
    Sabine Burmeister

  • Blind Applying, die zweite: Was Praktikantin Marta in Berlin erlebte | buckmannbloggt. sagt:

    […] Ob und bei welchem Arbeitgeber sie schliesslich zum Zug kommen, ist offen. In meinem Artikel “Das Blind Date für das Personalmarekting” habe ich die Unternehmenssicht beleuchetet. Jetzt lege ich nach: Marta Khomyn aus der […]

  • Mythos Blindbewerbung: Und sie schärft den Blick doch | sagt:

    […] ich letzte Woche in Jörg Buckmanns Blog lesen konnte, was die Blindbewerbung  für eine gute Sache ist, fiel es mir wieder ein. Noch vor einem Jahr war ich skeptisch, als das […]

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