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Das Wunder der Liebe. Eine kleine Analogie zum modernen Recruiting.

So eine Einladung der Deutschen Gesellschaft für Personalführung (DGFP) nach München ist ja an sich etwas Feines. Etwas Speziell wird es, wenn das Datum auf das Ende des Oktoberfests fällt. Das bedeutet konkret: Ein Hauptbahnhof voller Dirndl, Krachlederner und nacketer Waderln selbst am Sonntagabend um elf; warten auf ein freies Taxi; exorbitante Hotelpreise (429 Euro das kleine Einzelzimmer im Viersternhotel, ohne Frühstück notabene) und Fi-di-ra-ll-a-la Gesänge im Hotel bis nach Mitternacht. Okay, reisen bildet ja bekanntlich. Womit wir beim Thema wären – bilden meine ich, nicht reisen. Das ist ja schliesslich kein Reise-Blog.

Das Programm der netten Damen von der Münchner Sektion der Deutschen Gesellschaft für Personalführung (DGFP) war vielversprechend. Leider konnte ich nur Teile davon selber als Zuhörer miterleben. Aber was sage ich „nur“. Ich hatte die Freude, die beiden Doyens des deutschen Personalmarketings wieder einmal (Professor Dr. Christoph Beck) beziehungsweise endlich (Dr. Hans-Christoph Kürn) persönlich zu treffen.

Professor Dr. Christoph Beck: IADIAM.

Nein, ich war und bin nicht betrunken. Aber IADIAM war in der Tat Teil des Referats des umtriebigen Professors der FH Koblenz und Organisator des jährlichen Insidertreffens auf Schloss Bensberg. Er meint damit das neue Paradigma moderner online-Stellenanzeigen. Ich will aber darauf gar nicht im Detail eingehen und auch die anderen interessanten Punkte seines Referats – Erläuterungen zu Employer Branding und Recruiting, zu Blogs, Arbeitgebermarken und Werten, wie erwähnt zu online Stellenanzeigen und Social Media nicht näher beleuchten. Beck hat so viel publiziert, dass das sowieso im Netz schon irgendwo steht – oder aber in der zweiten und erweiterten Auflage von Personalmarketing 2.0, seines Bestsellers. Diese zweite Auflage ist vor allem qualitativ noch einmal erweitert – schliesslich sind dieses Mal auch die Verkehrsbetriebe Zürich darin vertreten… 😀 Statt einer abgetippten Fassung seines Referats habe ich Herrn Beck nach seiner Einschätzung zur Lage der HR-Nation gefragt:

Lieber Herr Professor Beck, vier Jahre sind seit der Ersterscheinung Ihres Buchs vergangen. Was hat sich in dieser Zeit verändert oder bewegt?

Auf strategischer Ebene ist das Thema „Employer Branding“, insbesondere vor dem Hintergrund „Demographischer Wandel“ zwar angekommen, von einer wirklichen „Massenbewegung“, für Unternehmen eine Arbeitgebermarke aufzubauen und diese zu führen, ist man jedoch noch weit entfernt.

Vielleicht weil der Druck noch nicht überall gross und die demographischen Auswirkungen noch wenig spürbar sind?

Die Auswirkungen des demographischen Wandels werden in Form der quantitativen und qualitativen Bewerbungsunterlagen sehr wohl zunehmend über die Zielgruppen hinweg spürbar, die Aktionsräume von Personalmarketing & Recruiting sind jedoch in den letzten vier Jahren je nach Unternehmen nicht größer geworden. Dabei haben Per-sonalmarketing & Recruiting bei Weitem noch nicht die nachhaltigen Budgets, die man dafür bräuchte, das Unternehmen wirklich als Arbeitgeber auf dem Arbeitsmarkt be-kannt zu machen.

Gehen wir etwas mehr in die Tiefen der operativen Personalarbeit. Was beobachten Sie da?

Auf operativer Ebene hat sich mit den Themen „Social Media“ und „Mobile“ das Technik- und damit auch das Instrumentenportfolio für Personalmarketing & Recruiting erweitert. Es haben sich nach meiner Einschätzung viele gute Ansätze heraus kristallisiert, mal mit der Fokussierung auf die neuen Techniken bzw. Technologien oder Anwendungen, mal mit dem Fokus auf einzelne Zielgruppen. Hinsichtlich des Themas „Ganzheitliches Personalmarketing“, d.h. von einer Strategie ausgehend, über einzelne Zielgruppen (Azubis bis hin zu den Führungskräften),bis über einzelne Instrumente hinweg (von der Imageanzeige, den Kampagnen bis hin zu Social Media) gibt es noch Potenzial.

… und das interne Personalmarketing – bleibt das vor lauter Social Media, Mobile und Co. nicht auf der Strecke?

Auch wenn einzelne Unternehmen richtiger Weise auf die Mitarbeiter als Markenbot-schafter setzen, so führt insgesamt aber das „interne Personalmarketing“ meiner Meinung nach noch eher ein „Schattendasein“.

Ich würde Ihre Äusserungen einmal als verhalten optimistisch einstufen. Was bedeutet das von Ihnen in der vorletzten Antwort angesprochene Instrumentenportfolio für die Arbeit der Personalmarketer?

Die Anforderungen an die Akteure im Personalmarketing & Recruiting sind gestiegen. In immer schnelleren Zeiträumen muss sich Know-how angeeignet werden, mal mehr Zielgruppen-Know-how, mal mehr Medien- und mal mehr Technik-Know-how, etc.

Professor Beck spricht das Tempo der Veränderungen an. Immer schneller, immer direkter, immer pro-aktiver. Die neue Kommunikationswelt fordert die Personaler immer mehr. Eben erst mit Facebook angefreundet, werden schon die nächsten medialen Supersäue durch die Strassen getrieben. Irgendwie faszinierend, irgendwie aber auch beängstigend. Ach ja, a propos Tempo und immer kürzerer Abstände – da habe ich etwas passendes für Sie.

Dr. Hans-Christoph Kürn: CHR EMEA DE TA, München.

Eine ganz tolle Persönlichkeit ist ohne Zweifel auch Dr. Hans-Christoph Kürn von Siemens. Gemäss seinen eigenen Folien ist er bei der Siemens AG nichts weniger als CHR EMEA DE TA, München. Alles klar? Was auch immer das heisst, es wird ihm kaum gerecht werden. Für mich und viele Andere ist er schlicht der Oswalt Kolle des e-Recruitings! Achtung liebe Bloggerkollegen: diese mit Verlaub geniale Namensgebung ist urheberrechtlich geschützt. Kürn spricht nicht über Vernetzung, er lebt sie. Weil er nicht nur gut, sondern auch enorm schnell spricht, habe ich mir nur wenig Notizen gemacht – was auch wiederum eine tolle Ausrede dafür ist, langsam auf den Punkt zu kommen. Aber so viel Zeit, um wenigstens die Kernaussagen des e-Recruiting Verantwortlichen von Siemens zu erläutern, muss sein:

Aus Sicht von Kürn befinden wir uns derzeit mit der durch das Web 2.0 geprägten Vernetzung in Mitten einer neuen „industriellen Revolution“, einem tiefgreifenden gesellschaftlichen Umbruch. Social Media sei das Instrument, um die Vernetzung zu verfeinern und zu steuern. Dann spricht Kürn aber auch eines der Fokusthemen unserer jetzigen Zeit an: Mobile. Auch in Deutschland sind die Zahlen der tägllichen Smartphone-Nutzung gross und die weitere Entwicklung gar gigantisch. Unglaublich, aber mittlerweile wird das Smartphone bereits öfter für das Surfen als für das Telefonieren benutzt, besagen Studien wie jene von Bitkom. Das zeigt auf, wie schnell sich die vernetzte Gesellschaft entwickelt – für Kürn schlicht eine weitere Stufe der neuen industriellen Revolution. Und er sieht schon die Nächste: „Smartphones“, die bereits in die Produkte integriert sind, Autos mit integrierter IP-Adresse. Für die HR-Welt sieht Kürn zunehmend kritische Kandidaten aus einer Generation, die pauschale und polierte Werbeaussagen nicht mehr glaubt. Auch wegen der „Aufklärung“ durch Social Media und dem damit verbundenen Ende der Einwegkommunikation. Recruiting, so glaubt Kürn, findet in 5 Jahren ganz im „digitalen“ Raum statt. Das kann ich mir eigentlich nicht so ganz vorstellen, mindestens nicht im ganz grossen Stil. Nur: Hans-Christoph Kürn ist nicht nur Schnellredner und Schnelldenker – sondern seit Jahren auch Vordenker. Vielleicht hat er ja doch recht? Siemens ist auf jeden Fall in vielen Dingen der Konkurrenz und vielleicht auch ein bisschen unserer Zeit voraus. Dort ist Social Media nicht nur ein Marketingkanal. Den Mitarbeitenden dort ist nicht nur die Nutzung von Social Media erlaubt, sondern sie werden sogar aufgefordert und angehalten, Facebook und Co aktiv zu nutzen und nach aussen zu kommunizieren. Dieser Blog oder wenigstens dieser Absatz sollte Pflichtlektüre für die Abteilung „Organisation und Informatik der Stadt Zürich“ sein.

Fazit: München ist eine Reise wert. Und ausserdem: Dran bleiben!

Zwei spannende Beiträge, ein gemeinsamer Nenner: Die Kommunikation läuft mehr und mehr im Netz ab. Die Zielgruppen sind bereits im grossen Stil da – kann ich es mir als Unternehmen leisten, aussen vor zu bleiben? Das ist durchaus auch als Aufforderung an die HR-Welt zu verstehen, mit der Entwicklung Schritt zu halten und die veränderten Kommunikationsformen im Netz nicht nur beobachten, sondern auch ausprobieren und zu lernen, damit umzugehen. Und wer weiss, vielleicht entdecken dann Viele das Wunder der Liebe bzw. natürlich die Liebe zum Wunder, ach was ich meine natürlich die Liebe zu den neuen Medien in der Personalgewinnung. Wie auch immer: Hier gibt’s noch ein paar Minuten den richtigen Oswalt Kolle – und ich sage schon einmal:

Auf Wiederlesen.

http://www.youtube.com/watch?v=NrvCz8l1efQ

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