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Der Mobile-Tsunami: im Schweizer Personalmarketing noch ein sanftes Plätschern.

Wissen Sie was, wir machen jetzt gemeinsam mal einen Kaltstart. Päng, das sind meine Erkenntnisse zur Nutzung von Mobile im Schweizer Personalmarketing im Jahre 2012:

 

 

  1. «Wir sind Papst Mobile.»
    Die kleine Schweiz ist in Mobile ganz gross und fast jede/r Zweite surft mobil.
  2. «Der Mobile-Tsunami rollt an.»
    Bereits holen sich 4 von 10 ihre News und andere Infos auf das Smartphone. Bald kippt das Nutzungsverhältnis ganz.
  3. «Laues Personalmarketinglüftchen.»
    Auf den führenden Schweizer Jobbörsen und auf dem VBZ-Jobcenter informieren sich nicht einmal 2 von 10 mit ihrem Smartphone über Jobs. Aber der Wind frischt auf und die Nutzungszahlen steigen markant.
  4. «Schweizer Personaler desinteressiert.»
    Das Wissen um den Megatrend Mobile ist… ähhh… nicht allzu gross, das Interesse auch nicht. Kein Wunder, sind noch viele Karriere-Websites nicht für Mobile geeignet.
  5. «QR-Codes drohen zu scheitern.»
    Die Brückenangebote zwischen off- und online werden links liegen gelassen.

So sehe ich das. Das waren die Fakten. Schön, wenn Sie trotzdem weiterlesen. Das Internet ist längst Alltag und die Schweiz in der Nutzung führend. 85 Prozent aller Schweizer nutzen es, bei der Zielgruppe der 14 bis 50-jährigen sind es nahezu 100 Prozent. In Europa gehören Herr und Frau Schweizer damit zu den Heavyusern. Im so genannten Web Index liegt die Schweiz damit weit vor Deutschland und den meisten anderen europäischen Ländern in den weltweiten Top 10. Das Internet ist also definitiv erobert. Jetzt geht bei der Mobile-Nutzung die Post ab und die Zugriffe von Mobile Devices auf das Internet explodieren geradezu.

Megatrend Mobile: Schweiz führend.

Die Schweiz ist in der Nutzung des Internet über Smartphones führend. Gemäss dem Mobile Web Watch von Accenture surft in der Schweiz fast jeder Zweite mobil (44 Prozent) in Deutschland sind es erst 28 Prozent, auch hier aber stark steigend. Mit 42 Prozent ist unser Nachbarland Österreich praktisch auf Schweizer Niveau. Für unser Land zeigt die Studie zur Internetnutzung von NET-Metrix eine fulminante Entwicklung in den letzten Monaten. Heute nutzen bereits 2.5 Millionen Schweizer Internetangebote über ihr Smartphone, eine weitere halbe Million über ein Tablet. Ein Zuwachs von sage und schreibe 50 Prozent in den letzten Jahren. Dabei ist der junge Trend in Sachen mobile Internet auch in einem anderen Sinne jung: führend in der Mobile-Nutzung sind junge Erwachsene der Generation Y (dazu hier ein ausführlicher Artikel) und überdurchschnittlich viele Männer wie dieser:

Die Smartphones werden immer besser, die Netze leistungsfähiger und die Webseiten stärker auf Mobile optimiert. Die Internetnutzung wird sich in den nächsten Jahren noch weiter zur örtlich unabhängigen Nutzung verschieben. Marco Beccarelli von 20 Minuten, der meistgelesenen Schweizer Zeitung, bestätigt dies gegenüber diesem Blog. Die Zahlen auf dem 20 Minuten Newsportal sind beein-druckend: 33 Prozent holen sich die Informationen auf das Smartphone, immerhin 3 Prozent auf ihr Tablet.

Zur Erinnerung: Wir sprechen hier nicht von einer Plattform für IT-Nerds, sondern von einem Massenmedium mit über 1.4 Millionen Unique Clients allein im Mobile Bereich. Nur noch 6 von 10 surfen vom PC oder Laptop bei 20min.ch vorbei. Es wird wohl nur noch kurze Zeit dauern, bis das Pendel definitiv zugunsten von Mobile-Devices ausschlägt. Logisch, dass dieses sich stark wandelnde Nutzungsverhalten Mobile auch im Personalmarketing zu einem Mega-Thema macht.

Mobile-Tsunami hat Schweizer Stellenmarkt noch nicht erreicht.

Für diesen Blog haben die grossen Schweizer online-Stellenplattformen ausnahms-weise ihre Zahlenschatulle geöffnet (bleibt ja schliesslich hier ganz unter uns) und die online-Zahlen gelüftet. Sie liegen praktisch gleichauf: monster.ch liegt bei 14 Prozent, jobwinner.ch vermeldet 13 Prozent und jobs.ch 15 Prozent. Wie seine Mitkonkurrenten bestätigt auch Andreas Bachmann vom Branchenprimus jobs.ch den starken Anstieg von Mobile Zugriffen. Was Bachmann speziell freut: diese gehen nicht zu Lasten der Gesamtzugriffe, sondern sind echter Zusatztraffic. Die Mobilewelle baut sich auch bei der Stellensuche langsam aber sicher auf.

Bei den Stellenplattformen zeigen die Nutzungskurven also steil nach oben. Aber heute informieren sich die Kunden ganz offensichtlich mit durchschnittlich 14 Prozent noch immer in einem deutlich weniger starken Ausmass über Jobs als über beispielsweise News (38 Prozent).

Diese Zahlen decken sich mit den Erkenntnissen der Verkehrsbetriebe Zürich (VBZ). Eine Auswertung von drei unterschiedlichen Stellenprofilen vom Sommer 2012 zeigt folgendes Bild:

  • Das Stelleninserat für Tramführer/innen hatte im Juli 2582 Visits, davon kamen 346 von einem Smartphone. Das entspricht einem Mobile-Anteil von 13 %.
  • Sogar noch öfter wurde das Stelleninserat für eine/n Automatiker/in angeklickt, 2835 mal. Der Mobile-Anteil auch hier 13 %.
  • Nun die Quizfrage an Sie: Was denken Sie, wie hoch war der Anteil an Mobilezugriffen bei der (kaufmännischen) Stelle „Vertriebssachbearbeiter/in“? Bedeutend höher? Nein, er lag bei tiefen 6 %.

Auf den ersten Blick überraschend, auf den Zweiten vermutlich erklärbar. Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer surfen mit Vorliebe unter der Woche auf Stellenseiten. Wer den Computer am Büroarbeitsplatz in Griffweite hat, nutzt dafür diesen und ist nicht auf sein (privates) Smartphone angewiesen. Insgesamt stützen aber die VBZ-Zahlen die Werte der Jobbörsen Betreiber und wir halten fest: Herr und Frau Schweizer nutzen ihr Smartphone zwar immer häufiger auch für die Stellensuche, aber im Vergleich zu den Newsportalen noch nicht einmal halb so oft. Liegt es vielleicht auch an den vielen nicht mobile-tauglichen Karriere-Webseiten und dem Desinteresse vieler HR-Verantwortlichen zu diesem Thema?

Was Studien zu Mobile im Personalmarketing sagen.

Aktuell greifen gleich mehrere Publikationen und Studien den Mobile Trend für das Personalmarketing auf. Alle sind sich einig: Mobile ist eine der neuen Hausaufgaben für die Personaler. Einer der ersten „Mobile-Rufer“ in der Schweizer Personalmarketingwüste war Professor Dr. Wolfgang Jäger. Übrigens: die Besucher der Recruiting Convention Zürich dürfen sich im September auf ihn freuen. Er ist im letzten Jahr im Rahmen der Studie „Mobile Recruiting 2011“ der Frage nachgegangen, wie HR-Verantwortliche und Recruiter über dieses Thema denken und inwiefern sich Mobile für die Bewerberansprache bereits durchgesetzt hat. Die Studie zeigt, dass die Zahl der im Mobile Recruiting tätigen Unternehmen in den letzten Jahren deutlich angezogen hat und im Vergleich zur Pilotstudie von 2009 auch ganz allgemein die Bekanntheit sowie die Einschätzung der Relevanz von Mobile Recruiting bei den Personalverantwortlichen gestiegen sind. Die Studie weist aber auch darauf hin, dass in den Unternehmen eine gewisse Skepsis gegenüber dem Thema Mobile Recruiting herrscht, aber auch eine hohes Interesse, mehr darüber zu lernen. 43 Prozent der Unternehmen haben immerhin gerade schon die passende Ausrede parat, warum sie derzeit nicht aktiver sind: mangelnde personelle Kapazitäten. Praktisch und, wie so oft, auch ein bisschen symptomatisch für unsere HR-Zunft: Ja ja, spannendes Thema. Würde ich gerne mehr darüber wissen, und ja, man müsste ja. Wenn es denn nur irgendwo her personelle Ressourcen und viel Geld für die Umsetzung regnen würde.

Wir erinnern uns: fast niemand ist weltweit häufiger mit einem mobilen Endgerät online als wir Schweizer. Vor diesem Hintergrund interessiert die neue Umfrage von Bloggerin Eva Zils aus dem Elsass speziell denn sie erscheint erstmals mit einer separaten Länderauswertung für Deutschland und die Schweiz. Aufgrund der Mobile-Affinität der Schweizer müssten wir ja eigentlich im Vergleich mit unseren nördlichen Nachbarn die Nase deutlich vorne haben. Wie fast schon zu befürchten war, ist dem nicht so.

Fast die Hälfte der befragten Schweizer HR-Verantwortlichen – konkret 47 Prozent – nimmt das Thema gelassen und sagt gänzlich unbeschwert, dass für sie Mobile Recruiting schlicht kein Thema sei. Auch wenn ich den Ländervergleich aufgrund des unterschiedlichen Studiendesigns kritisch betrachte – am Desinteresse der Schweizer Personaler ändert das kaum etwas. Nun habe ich ja durchaus Verständnis für meine HR Kollegen – es gibt im Alltag auch noch ein paar andere Probleme zu lösen und mobileoptimierte Webseiten und Stelleninserate mögen für viele – vermutlich sogar zu recht – nicht ihr grösstes Problem sein. Ich verstehe, dass 2012 noch vieles brach liegt. Dass aber die Hälfte der Befragten meint, dass dies kein Thema für sie sei, zeugt angesichts des oft proklamierten Fachkräftemangels eher von einem anderem Mangel: jenem an fehlendem Gespür für Entwicklungen, die gewaltig sind und nichts von einem vielleicht sogar vorübergehendem Trend an sich haben. Dabei sollte heute eigentlich fast alles Mobil sein, wie Kollege Sebastian Manhart in seinem Blog vermerkte. Aber vielleicht (hoffentlich) ist es wirklich so, dass wir ganz einfach die Anfangsfehler den Andern überlassen – diese Erklärung hätte definitiv Charme.

Eine Chance verpassen?

Gibt’s denn keine Schweizer, die etwas zum Thema zu sagen haben? Doch, zum Glück – und es gibt sogar welche, die einen Lösungsansatz parat haben. Matthias Mäder ist so einer, umtriebiger Chef der Schweizer Medienagentur Prospective. Der „Hansdampf-in-allen-Recruiting-Gassen“ ist ein erklärter Mobilebefürworter und auch sonst fit, wenn es darum geht, Personalgewinnung in frische Bahnen zu lenken. Prospective hat für die VBZ die mobileoptimierten Stelleninserate genannt Stelleninserat+, konzipiert. Dabei erkennt das clevere Jobcenter vollautomatisch, woher der Zugriff auf ein VBZ-Stelleninserat erfolgt und liefert entsprechend das komplette Stelleninserat+ oder das Wichtigste reduzierte Mobileinserat aus. Ganz allgemein mehr Informationen zum interaktiven Stelleninserat gibt’s auf dem Blog von Dominik A. Hahn.

Prospective Media ist auch Herausgeberin des jährlichen „Trendreport online Recruiting Schweiz“, welcher HR-Verantwortliche und Stellensuchende befragt (hier ein Bericht dazu auf Saatkorn). In der aktuellen Studie gaben dabei 70% aller Smartphone-User an, sich bei Vorhandensein entsprechender Angebote online über die Jobs in den Unternehmen informieren zu wollen. Das deckt sich auch mit den Entwicklungen im Ausland. Überdurchschnittliche Nachfrage – unterdurchschnittliches Angebot. Da müsste ja das Herz eines jeden (Personal-) Marketers jubilieren!? Viele Schweizer Unternehmen scheinen soeben gerade ein paar wundergute Chancen ungenutzt vorbeiziehen zu lassen.

Matthias Mäder gehen aber mobileoptimierte Karriere-Webseiten und Stelleninserate zu wenig weit. Er glaubt fest daran, dass künftig nicht nur online informiert, sondern auch per Daumenclick beworben wird. Und dass auch in der Schweiz einmal Bewerbungen mittels Xing- oder Linkedin Profil bequem – nun sagen wir einmal – im Tram zwischen zwei Stationen erledigt werden können. Ich selber bin da noch skeptisch und mag irgendwie noch nicht recht daran glauben, zumindest nicht für die breite Masse der Stellensuchenden und vorerst auch nicht für die Zielgruppen der VBZ. Nicht Zukunftsmusik, sondern bereits Realität im Mobile Recruiting sind QR-Codes, die Brückenangebote zwischen Print (und anderen offline-Werbekanälen) und dem Smartphone.

QR-Codes – verkannte Brückenangebote.

Eine geniale Sache: Mobile zücken, Quick Response (QR-) Code scannen, direkt online von einem Mehrwert in Form von direktem Auffinden und Zusatzinformationen profitieren. Und das alles gratis. Ein tolles Produkt gänzlich ohne Nebenwirkungen für die Konsumenten. Und doch. Die QR-Packungsbeilage ist in der Schweiz noch ziemlich unbeschriftet, die praktischen Codes kommen nur schwer in Schwung. Einige Unternehmen wie der Ostschweizer Wattefabrikant Flawa versuchen sich wohl darin, bieten ausser spürbarer Experimentierfreude aber noch keinen wirklichen Mehrwert. Wenn nach dem Scannen einfach ein pdf-Inserat alter Schule öffnet, ist das wohl kaum die eigentliche Absicht von QR-Codes. Ein Blick in die Print-Stellenanzeiger zeigt auch dieses Wochenende wieder: Die QR-Codes haben sich nicht durchgesetzt. Punkt.

QR-Codes sind ja an sich eine feine Sache (und man kann damit sogar ziemlich Lustiges tun). Die online-Stelleninserate der VBZ mit dem Jobvideo im Mittelpunkt sind geradezu für die Nutzung von QR-Codes prädestiniert – zum Beispiel, um elegant vom Printinserat mit Prinz Charles auf das dazugehörige Jobvideo für Tramführer/-innen weiter zu verbinden. Schon vor Jahren machten die VBZ im Grundsatz gute Erfahrungen mit der Anwendung von Kooaba. Das Experiment scheiterte nicht an der Technik als vielmehr an der unzureichenden Verbreitung der App und dem mangelnden Wissen der User. Wir haben daher grosse Hoffnung in die LivePaper Funktion der 20 Minuten App gesetzt. Diese App ist in 1.6 Millionen Smartphones und Tablets im Einsatz. Somit besitzt plötzlich fast jedes Mobile einen in die beliebte App integrierte (speziellen) QR-Codeleser. Damit lassen sich mit einem speziellen Code gekennzeichnete Artikel und Inserate scannen und Zusatzfunktionen abrufen. Die VBZ haben eines der royelen Werbeinserate damit bestückt. Das sieht dann so aus:

Livepaper 20min from buckmanngewinnt on Vimeo.

Schöne Idee. Guter Mehrwert. Aber miserable Zahlen. Das Video wurde gerade einmal knapp 20 Mal aufgerufen – was einem sagenhaften Klickpreis von 40 Franken je Aufruf entspricht. In dieser Höhe werden üblicherweise höchstens Schweizer Kinofilme subventioniert. Selbst in den Sommerferien wird – ohne jede Printanzeige – das Tramvideo täglich 10 mal von einem Mobilegerät aus aufgerufen (und etwa 90 mal von einem PC). Ernüchterndes Fazit: QR-Codes sind im Schweizer Personalmarketing nicht angekommen und langsam zweifle ich daran, dass sie das je tun werden. Schade.

Eigentlich wollte ich mir mal den Spass machen, und zum Abschluss einen QR-Code mit dem Zielslogan „Auf Wiederlesen“ posten. Ich lasse es sein – nicht zuletzt auch deshalb, weil solche Codes auf dem Bildschirm eher weniger Sinn machen… Darum schmettere ich ein klassisches Auf Wiederlesen in die Blogosphäre.

Ach ja, noch ein kleiner Nachtrag. Sollte Ihnen meine Schreibe nicht passen, auch kein Problem (wir denken ja schliesslich in Lösungen). Neu wird die führende Schweizer Fachzeitschrift HR-Today regelmässig Artikel von diesem Blog aufnehmen, kommentieren und weiter vertiefen. Viel Spass bei der Premiere!

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