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Die Politik machts vor: So geht Personalwerbung mit Stelleninseraten

SupermanSo geht Personalwerbung: Differenzierend, unverkrampft, kreativ, sympathisch. Und alle drei Attribute gleich hoch drei. Ach was, hoch zehn! Wiehl, eine kleine Stadt in Deutschland, sucht einen neuen Mitarbeiter oder eine neue Mitarbeiterin. So weit so unspektakulär. Aber bei der gesuchten Person handelt sich um keine/n Geringeren als die oder den neue/n Bürgermeister/-in! Auftraggeber: Die drei grossen Parteien. Ich bin entzückt und begeistert!

Erst vor Kurzem wurden in Berlin die HR Excellence Awards verliehen. Unter den Nominierten waren sehr gute Vorgehensweisen und – in der Kategorie Stelleninserate – ausgezeichnete Inserate dabei. Die Vine-Stelleninserate von VOITH und diejenigen des Kinderspitals Zürich sind state of the art. Und schon jetzt, einige wenige Tage danach, stosse ich auf ein Inserat, dass es mit den beiden Musterschülern aufnehmen kann. Eine ganz einfach grossartige Geschichte, die der Stadt Wiehl, ihren drei grossen Parteien, dem Bürgermeister und seiner Nachfolgerin oder seinem Nachfolger.

Wiehl sucht Bürgi

Bei einer Bürgermeisterwahl denke ich an Wahlkampf, an Parteien, die ihre Kandidaten in Stellung bringen, an Wahlveranstaltungen und Standaktionen in Fussgängerzonen. Ach so, und auch noch an Flugblätter im Briefkasten („Hartmut Vogel-Waschnek: Volksnah, engagiert und zukunftsgerichtet“ – oder so…). Das kann dann schon mal ausarten, wie vor einigen Jahren in Frankfurt. Nicht so in Wiehl. Statt zu zanken, beschliessen SPD, CDU und FDP gemeinsam, die Nachfolgerin oder den Nachfolger von Bürgermeister Werner Becker-Blonigen zu suchen. Der tritt nämlich nach sage und schreibe 35 Jahren ab und sagt auf der eigens für die Nachfolgersuche eingerichteten Homepage:

Wiehl 3

Eine Initiatorengruppe der drei grossen Wiehler Parteien CDU (Larissa Gebser), SPD (Carlo Riegert) und FDP (Rolf Gurbat) fällt einen mutigen Entscheid: Die oder der neue Magistrat/-in soll öffentlich gesucht werden. Alle, die das Profil erfüllen, sollen sich bewerben können. Wie bei jeder anderen Stelle auch. Und einer dachte noch weiter: Sören Teichmann,  Diplom Finanzwirt und Vorstand der CDU, schlug vor, dies zeitgemäss mit Video und sogar einer eigens eingerichteten Microsite zu tun. Gesagt getan. Das Resultat: Der Hammer, aber schauen Sie doch gleich selber: Kommen Sie. Sehen Sie. Staunen Sie!


Wiehl 1

 

Wer durch die Seite surft, merkt schnell, hier nimmt man die Suche nach dem Stadtoberhaupt zwar ernst und macht das professionell, aber immer auch mit einer guten Prise Humor und Augenzwinkern. Der Mix machts und bewirkt, dass man mit grösstem Vergnügen das Anforderungsprofil liest. Alles wirkt irgendwie leicht und ist doch informativ und aufschlussreich – welches andere Stelleninserat kann das schon von sich behaupten?

Wiehl erwartet

Und dann das Wort „Bürgi“… Ziemlich unkonventionell (und clever, weil 200% genderkonform). Aber das ist ja auch schon im Video zu spüren, dieser souveräne und gelassene Umgang mit Fakten und Emotionen. Ja, einen Film haben die frechmutigen Wiehler gleich auch noch in Auftrag gegeben, er ist das Kernstück der „Stadt-Wiehl-sucht-Bürgi“-Seite:

„Die konstruktive und effiziente Diskussion mit den Parteien war beeindruckend“

Ich habe mit Stephan Brovot gesprochen. Der Direct-Marketingprofi von huettekamp film&sound setzte für die Stadt Wiehl die Kampagne auf.

Herr Brovot, wie kamen Sie zu diesem aussergewöhnlichen Auftrag?

stephan-brovot-foto_256x256Stephan Brovot: „Die Initiatoren kamen zu uns mit der Bitte: „Machen Sie uns einen Film für die Bürgermeistersuche – bitte als Videoscribing“. Idee, Tonalität des Filmes, Text, Gestaltung und  Musikkomposition kommen komplett aus unserer Feder. Es war beeindruckend, bei der ersten Konzeptpräsentation die konstruktive und effiziente Diskussion der drei Parteien zu verfolgen, die sich in diesem Termin ausnahmslos für eben diese ungewöhnlichste Art der Bürgermeister-Kandidatensuche entschieden haben.  Nach Fertigstellung des Filmes wurden wir auch beauftragt, die Website komplett zu konzipieren sowie Werbebanner für Offline- und Onlineschaltungen zu designen.“

Wie geht es denn weiter, wie funktioniert das Auswahlverfahren?

Stephan Brovot: „Eine unabhängige Personalberaterin  wird eine qualifizierte Vorauswahl treffen, die vom Initiatoren-Gremium begutachtet und diskutiert werden. Eine kleine Auswahl wird dann in den jeweiligen Fraktionen vorgestellt werden und abschließend wird die oder der Mehrheitskandidat/in den jeweiligen Mitgliedern präsentiert. Der Kandidat oder die Kandidatin, welche/r am besten geeignet ist, wird abschließend in die Wahl geschickt und damit der Wiehler Bevölkerung präsentiert.“

Welche Erfahrungen machen Sie und die anderen Beteiligten mit dieser Aktion?

Stephan Brovot: „Es gab eine große mediale Aufmerksamkeit mit einer Polarisierung bei den Bewertungen – es gibt nur schwarz und weiß, jedoch steht der überragende Anteil der Kampagne positiv gegenüber. Wir haben damit sehr viel Symphathie gewonnen.“

Kein Wunder, ganz toll gemacht. Meine Sympathie haben Sie und die Wiehler Politikerinnen und Politker auch. Chapeau! Ich bin gespannt, wie die (Aus-) Wahl weitergeht. Und wenn sich meine Begeisterung nicht bald auf ein Normalmass reduziert, bewerbe ich mich gleich selber! Ich sehe schon die Schlagzeile:

„Bucki wird Bürgi!“

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