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Die Schweiz wählt: Über Lohntransparenz in Stellenanzeigen – und so.

Bild_9Die Schweiz wählt – und ganz Europa schaut hin: Zuerst die Abzockerinitiative. Dann eins zu zwölf, ich nenne sie mal die Schereninitiative (es ging um das Verhältnis zwischen tiefstem und höchstem Lohn). Und vor wenigen Tagen zogen wir an der Urne den Grenzvorhang zu. Und schon bald stimmen wir über den Mindestlohn ab – 4000 Stutz sind geboten. Fehlt nur noch, dass wir über mehr Mittel für die Schweizer Luftwaffe – zweifelsohne die beste der Welt mit dem besten Verteidigungsminister der Welt sowieso – abstimmen müssen. Zum Beispiel, damit deren Einsatzbereitschaft auch über die Bürozeiten hinausgeht. Die Schweiz rockt derzeit. Vielleicht wäre die Zeit ja gar reif, eine Inititative für mehr Lohntransparenz in Stelleninseraten zu starten?! Aber eins ums andere.Ja, wir Schweizer und das Geld, das ist so eine Sache. Eine spannende, um es genau zu nehmen. Wir Eidgenossen setzen uns, so scheint mir, offen mit dem Thema auseinander wie nie. Die Mauern um das Bankgeheimnis wurden binnen weniger Jahre geschliffen wie… naja, fällt mir gerade kein lässiger Begriff ein, dann wurde eine Volksinitiative gegen die Abzockerei angenommen, am 18. Mai stimmen wir über die Volksinitiative für einen Mindestlohn von 4000 Franken ab und die deutschen Discounter Aldi und vor allem Lidl gehen in der Schweiz die Lohnoffensive. Schon ein bisschen verrückt, unser Land. Und die Deutschen staunen Bauklötze.

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Ob die neue Offenheit mit dem Thema Lohn etwas mit der Generation Y zu tun hat, weiss ich nicht so genau. Vermutlich schon, ich schreibe ihnen einfach mal einen unverkrampfteren Umgang mit dem Thema Geld zu – und dass sie wissen, was sie wollen, auch in Bezug auf den Lohn. Noch immer eine Trutzburg der Geheimniskrämerei sind die Schweizer Stellenanzeigen. Warum das so ist, weiss ich nicht wirklich (ausser, dass es schon immer so war, in der HR-Welt in verschiedenen Themen ein starkes Argument…). Fakt ist, dass andere Länder einen unverkrampfteren Umgang mit dem Thema Lohn haben. Warum auch nicht? Das Grundprinzip heisst doch Arbeit gegen Lohn. Warum also die Löhne nicht publizieren, da weiss man, was man hat. Und den Bewerbern ist das offensichtlich wichtig: „Der typische Bewerber wünscht sich in Stellenanzeigen neben einer detaillierten Beschreibung des Jobinhalts vor allem konkrete Angaben zu Gehalt, Arbeitsumgebung und Jobsicherheit.“ Sage nicht ich, es sind vielmehr die Ergebnisse einer StepStone Studie zu Erwartungen und Vorgehensweisen von Kandidaten im Bewerbungsprozess. Interessant – nur erfüllt kaum eine Stellenanzeige diese Wünsche auch nur ansatzweise (wo kämen wir da auch hin, plötzlich die Wünsche der Bewerber zu erfüllen???). Vor allem der Wunsch nach konkreten Angaben zum Lohn verhallt hierzulande noch immer weitestgehend ungehört – mit Ausnahme unseres östlichen Nachbarn. Österreich ist Vorreiter in Sachen Lohntransparenz, auch wenn dort weniger der Bewerbernutzen als  vielmehr Väterchen Staat die treibende Kraft dieser Offenheit ist – und die Personalisten in unserem Nachbarland ganz gehörig granteln und indem sie einfach den „gesetzlichen Minimallohn“ publizieren – und eine marktkonforme Überzahlung in Aussicht stellen. Eigentlich schade.

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In Russland sind Stellenanzeigen in Print noch immer „en vogue“ und sie  enthalten meist auch konkrete Löhne, wie hier bei dieser Anzeige für künftige Versicherungsberater, die immerhin 56’000 Rubel verdienen sollen.

Ob die Lohnangaben freiwillig sind oder aus gesetzlichem Zwang, weiss ich nicht. Wie auch immer: Würde das Land doch bloss überall einen so vorbildlichen Umgang mit Transparenz pflegen.

 

200 Tage volle Lohntransparenz bei den VBZ: Eine erste (positive) Bilanz

Bildschirmfoto 2014-02-09 um 21.08.37Seit ich im vergangenen Jahr über Lohntransparenz gebloggt habe, ist nicht viel passiert. Ausser, ja ausser dass die Verkehrsbetriebe Zürich als einer der grösseren Arbeitgeber in der Schweiz grundsätzlich bei allen Stellen den Lohn publiziert, und zwar so genau wie möglich. Das heisst konkret, dass die Bandbreite des entsprechenden Lohnbandes kommuniziert wird. War ich am Anfang noch etwas vorsichtig, wie dies auch intern goutiert würde, fällt die Bilanz nach knapp 200 Tagen und der Erfahrung von über 20 verschiedenen Stellen, die mit dem Lohn publiziert wurden, durchs Band positiv aus: Es gab keinerlei negative Rektionen, die Bewerbenden schätzen den unverkrampften und transparenten Umgang mit dem Lohn, der Verhandlungsspielraum ist von Anfang an klar abgesteckt und man kann sich im Bewerbungsprozess auf Wichtigeres konzentrieren. Das bestätigen auch Mitarbeitende, die vor Kurzem bei den VBZ angefangen haben: „Ich konnte besser und vor allem schon ganz zu Beginn abschätzen, ob ich mit meinen Lohnvorstellungen in die VBZ passe“, meint eine Mitarbeiterin der IT dazu. Ein Handwerker bestätigt das: „Ich wusste schon vor dem Gespräch, was lohnmässig drin liegt, und erst noch ohne nachzufragen.“ Höchste Zeit also für viele Nachahmer. Doch die sind nicht in Sicht.

Der Lohn bleibt vorderhand tabu

Selbst Unternehmen wie die Swisscom, die mit ihren mit viel Herzblut entwickelten, wirklich gelungenen Stelleninseraten überzeugen, haben das Thema Lohn zumindest „für 2014 nicht auf dem Programm“, wie Judith Oldekop, Head of HR Marketing, erklärt. Auch bei den kantonalen Elektrizitätswerken (EKZ) verneint Bruno Hauser entsprechende Pläne, obwohl das Unternehmen in Kürze mit einem brandneuen, frischen Auftritt glänzen will und der Kollege eines internationalen Grosskonzerns bekräftigt, dass dies bei ihnen „aufgrund der komplexen Lohnfindung und des dynamischen Umfelds“ (diese grauenhafte Stelleninserate-Floskelrhetorik kostet ihn ein Bier, mindestens) wohl nie der Fall sein würde. Braucht es staatlichen Zwang? Nein, meint dazu Marcel Keller, seit kurzem Direktor von Kelly Services und somit nicht nur profunder Kenner des Arbeitsmarktes, sondern auch ein grosser Arbeitgeber in der Schweiz. Da hake ich doch gleich einmal nach und nutze die Gelegenheit, mit dem neuen Country General Manager Switzerland & Group Leader Switzerland, Italy and Hungary bei einem Kaffee nicht nur über Stelleninserate, sondern auch noch andere, brennendere Themen zu sprechen.

Im Gespräch mit Marcel Keller, Country General Manager Schweiz

Foto Marcel 2012Ich treffe Marcel Keller in der Zürcher Filiale von Kelly. Der 49-jährige Schweizer strahlt eine grosse Ruhe aus, hört aufmerksam zu und entpuppt sich rasch als interessanter Gesprächspartner. Marcel Keller hat eine dezidierte Haltung zu den aktuellen gesellschaftlichen und personalpolititischen Brennpunkten. In der Klarheit seiner Aussagen haben aber auch Grautöne Platz, er spricht direkt an, wo auch er keine eindeutigen Lösungs-ansätze sieht, weil schwarz-weiss Denk-muster zu kurz greifen und er eine ambivalente Haltung hat. Das macht Keller zu einem spannenden Gegenüber.

Am 18. Mai 2014 kommt die Mindestlohn-Initiative vor das Volk. Was steht auf Ihrem Stimmzettel, Herr Keller?

Marcel Keller: „Ich finde es nicht gut, wenn der Wirtschaft zu viele Reglementierungen und Einschränkungen gemacht werden und bin somit auch gegen staatliche Eingriffe in die Lohnsouveränität der Unternehmungen. Ich glaube, dass die Unternehmer so faire Löhne zahlen, wie es die Branchenumsätze zulassen und ich glaube auch, dass sie die unternehmerische Freiheit sehr wohl auch in der Lohnfrage im Sinne der Mitarbeitenden ausschöpfen. Die Zahlen des Bundesamts für Statistik belegen: In der Schweiz sind 99.8 Prozent der Unternehmungen KMU mit weniger als 250 Mitarbeitenden, 7 von 10 Schweizer arbeiten in einer dieser Firmen. Und sage und schreibe über 90 Prozent der Unternehmungen, in absoluten Zahlen über eine halbe Million!, sind Microunternehmen mit weniger als 10 Beschäftigten.  Das zeigt deutlich auf, dass in allen Wirtschaftszweigen und gerade auch in Tieflohnbranchen Menschen das Heft selber in die Hand nehmen und sich selbstständig machen. Das zeigt, dass wir auch künftig wirtschaftsfreundliche Rahmenbedingungen brauchen – und nicht zusätzliche staatliche Eingriffe.“

Tönt ziemlich neoliberal.

Marcel Keller: „Vielleicht, aber es ist ganz einfach meine Überzeugung. Die Mindestlohninitiative ist natürlich auch eine Antwort auf die Lohnexzesse „ganz oben“. Ich bin gegen Extremismus, egal wo. Wir Schweizer hinterfragen und diskutieren solche „Abnormalitäten“, wenn nötig auch an der Urne. Das finde ich grossartig, aber ich bin halt auch dafür, dass der Diskurs differenziert geführt wird.“

Wie stehen Sie denn zum GAV, insbesondere jenem für Ihre Branche? Ist ja auch eine Art Eingriff in die unternehmerische Freiheit.

Marcel Keller: „Ich stehe voll und ganz hinter diesem Vertragswerk. Er ist für mich ein Sinnbild von Sozialpartnerschaft, bei welcher anstelle von einseitig aufgezwungenen Spielregeln zwischen den Beteiligten nach der bestmöglichen Lösung, nach dem tragfähigen Konsens, gerungen wird. Er gibt den Unternehmungen in unserer Branche einheitliche Rahmenbedingungen und den Anstellungsverhältnissen eine klare Struktur, lässt aber Raum für individuelle Lösungen und unternehmerische Entscheide. Das ist gut so. Der GAV hat für alle Unternehmungen in der Personaldienstleistungsindustrie und somit auch für Kelly einen hohen Stellenwert, er ist wichtig für die nachhaltige Entwicklung unserer Branche.“

Ein hoher Stellenwert, das ist ein gutes Stichwort. Wohin geht die Reise? Ganz allgemein und mit Kelly Services im Speziellen?

Marcel Keller: „Die Zeitarbeit, ja unsere gesamte Dienstleistungspalette, ist aus der Schweizer Volkswirtschaft nicht mehr wegzudenken. Wir sind ein Motor, beschäftigen in dieser Branche zehntausende von Mitarbeitenden. Wir helfen den Schweizer Firmen, Spitzen auszugleichen und versorgen Unternehmen mit den richtigen Fachkräften. Ich will die Bedürfnisse des Marktes noch besser verstehen und berücksichtigen. Und ich will Kelly im Schweizer Markt so positionieren, dass Kunden, Öffentlichkeit und die Mitarbeitenden von einer nachhaltigen Dienstleistung profitieren.“

Tönt ein bisschen nach Management-Rhetorik. Was meinen Sie konkret?

Marcel Keller: „Gerne. Meine Vision ist, dass Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer nach dem Studium oder der Berufslehre von ihrem Kelly-Berater oder Beraterin vielleicht zuerst einmal temporär verliehen werden und sich daraus dann eine feste Arbeitsstelle ergibt. Wenn sich dann die Person nach einer gewissen Zeit beruflich wieder neu orientieren und weiterentwickeln will, dann geht sie zurück zu ihrem Kelly-Berater oder Kelly-Beraterin, um gemeinsam neue Perspektiven zu diskutieren. Das verstehe ich unter anderem unter einer nachhaltigen Dienstleistung.“

Dann müssen die Beraterinnen und Berater aber länger bleiben.

Marcel Keller: „Genau. Darum möchte ich hier bei Kellys mein Augenmerk nicht nur nach aussen, auf den Markt, legen, sondern auch nach innen. Ich möchte bei Kelly eine Kultur leben, in der sich die oft noch jungen Beraterinnen und Berater wohl fühlen und entwickeln können – und dadurch lange bei uns bleiben. Ich strebe also langfristige Partnerschaften zwischen Kelly, den Einsatzbetrieben und den Mitarbeitenden, die wir verleihen und vermitteln, an. Für mich ist der Beratungsansatz also sehr wichtig. So können wir sogar einen Beitrag gegen die Jugendarbeitslosigkeit leisten.“

Jugendarbeitslosigkeit? Es sprechen doch alle von 50plus und der Arbeitsmarktfähigkeit der älteren Generation?

Marcel Keller: „Da haben Sie recht und genau das stört mich. Für mich ist die Jugendarbeitslosigkeit ein riesiges Problem, auch wenn die Zahlen in der Schweiz zum Glück nicht so dramatisch hoch sind wie  in Südeuropa. Aber jeder Jugendliche, der ohne Job und somit Perspektiven rumhängt, ist einer zu viel. Hier können wir mit einer guten Beratung einen Beitrag leisten, dass junge Menschen in den Arbeitsprozess integriert werden. Aber eigentlich müssen Beratung und Aufklärung viel früher einsetzen. Ich glaube, dass im jugendlichen Alter in der Berufswahl viel verkehrt läuft. Die Berufsberatung scheint mir nicht mehr zeitgemäss, sie trägt den unglaublichen Möglichkeiten der heutigen Berufswelt zu wenig Rechnung. Unsere Arbeitswelt ist farbiger, lebendiger, aber auch komplexer geworden. Auch die Eltern sind gefordert. Zu oft werden die Jugendlichen in Berufe „gedrängt“, die ihnen gar keinen Spass machen und ihren Neigungen nicht entsprechen.“

Meine Abschlussfrage geht zurück zum Ursprungsthema des Artikels, zu den Lohnangaben in Stelleninseraten. Wann gibt’s die ersten Kelly-Stelleninserate mit dem Lohn?

Marcel Keller: „So schnell wird das nicht passieren. Ich finde zwar das Vorgehen der VBZ, so transparent mit dem Lohn umzugehen, sehr interessant. Ich bin jedoch der Überzeugung, dass es ein unternehmerischer Entscheid bleiben soll, welche Angaben man in der Personalwerbung machen will. So wie das auch Sie ohne Zwang gemacht haben, sondern weil es für die VBZ Sinn macht. Es muss zum Unternehmen, zur Strategie und vor allem auch zur Kultur passen. Darum bin ich auch nicht dafür, dass es einen gesetzlichen Zwang wie zum Beispiel in Österreich gibt. Viel wichtiger scheint mir, dass die Unternehmen ein gut strukturiertes und nachvollziehbares Lohnsystem pflegen – eines, das insbesondere auch Diskriminierungen zum Beispiel wegen dem Geschlecht ausschliesst und gleiche Möglichkeiten, auch finanzielle, für alle schafft. Das ist aus meiner Sicht viel wichtiger als die Lohntransparenz in den Stelleninseraten.“

Herzlichen Dank für das Gespräch, Herr Keller.

Auf Wiederlesen.

 

 

 

 

 

 

 

 

Kommentare ( 2 )

  • Mit relevanten Infos gegen Einheitsbrei in Stellenanzeigen - Blog Rekrutierungserfolg sagt:

    […] Warum also nicht einmal das Spiel mit offenen Karten z.B. bei Stellen, bei denen der Gehaltsrahmen ohnehin klar definiert ist (z.B. durch einen Tarifvertrag). Damit können Sie Zeichen setzen, denn über das Gehalt wird auch in Deutschland zunehmend offenen gesprochen. In der Schweiz haben die Verkehrsbetrieb Zürich damit gute Erfahrungen gemacht. […]

  • Blogatizer: Back to the Future | buckmannbloggt. sagt:

    […] Mit dieser Überlegung liegen die Personaler Deutschlands zweitgrösster Kranken-versicherung voll im Trend. Personal- und Persönlichkeitsentwicklung ist den Arbeit-nehmerinnen und Arbeitnehmern wichtig. Sehr wichtig sogar. Eine brandneue Befragung von Kelly Services bringt Interessantes zu Tage: “59 Prozent der Schweizer Arbeitnehmer/-innen sind bereit, zugunsten des Erlernens neuer Fähigkeiten auf einen Lohnanstieg zu verzichten”, wie Kelly Schweiz Chef Marcel Keller sagt. […]

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