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Effizienz im Recruiting durch Lohntransparenz in Stellenanzeigen

Foto„Das isch Musig“: Im Hochsommer, sofern es denn einen solchen in der Ausgabe 2014 überhaupt gab, diskutierte die Schweiz die Lohntransparenz in Stellenanzeigen heiss. Der Zürcher Tages-Anzeiger schrieb von einem Tabubruch und bezog sich dabei als Quelle auf meinen Blogartikel vom Februar 2013. Die Meinung der Bewerberinnen und Bewerber ist klar. Doch was meint die Wirtschaft? 

Auslöser der Diskussion war ein Artikel in der auflagenstärksten Schweizer Tageszeitung 20 Minuten. Weit über 100’000 Leser/-innen klickten online auf diesen Artikel. Darin fragte die Zeitung ihre Leser/-innen nach ihrer Meinung. Und die ist klar: 78% der Umfrageteilnehmer/-innen wünschen sich Lohnangaben in den Stelleninseraten. Teilgenommen haben immerhin fast 10’000 Personen. Mehr dazu in meinem aktuellen Gastbeitrag auf dem Blog von jobs.ch.

Die „Fronten“ sind also eigentlich klar: Die Arbeitnehmenden wünschen sich Lohntransparenz schon vor dem Bewerbungsentscheid. Die Unternehmen verwehren sich diesem Wunsch. Warum bloss? Fast schon ein Paradox. Doch was sagt eigentlich die Wissenschaft zu diesem Thema?

michael.siegenthaler_web_2014.jpg.100x120_q85_cropMichael Siegenthaler arbeitet quasi im Epizentrum der Schweizer (Volks-) Wirtschaft. Die Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich gehört zu den besten Adressen, wenn es um Wirtschaftsforschung und Prognosen geht. Michael Siegenthaler ist Bereichsexperte Arbeitsmarkt. Wie denkt er über die Diskussion um Lohntransparenz in den Stellenanzeigen?

Herr Siegenthaler, vier von fünf Leserinnen und Leser von 20 Minuten würden es begrüssen, wenn der Lohn in Stelleninseraten transparent gemacht würde. Müssen wir HR-Leute vom Lohn als Hygienefaktor Abschied nehmen? Ist er vielleicht doch wichtiger als gedacht?

Michael Siegenthaler: „Zunächst: Meines Erachtens ist und war der Lohn für die meisten Beschäftigten immer ein zentrales Element einer Anstellung. Schliesslich ist der Lohn nicht nur die Anerkennung für die erbrachte Arbeitsleistung, sondern auch die hauptsächliche Einnahmequelle für den Grossteil der Haushalte in der Schweiz. Er ist somit essentiell für die Lebensführung der Haushalte. Ob und inwiefern das Tabu, das in der Schweiz um die Höhe des Lohnes existiert, in Zukunft brechen wird, kann ich nicht beurteilen.“

In vielen Ländern ist es üblich oder sogar gesetzlich vorgeschrieben, den Lohn in Stelleninseraten zu publizieren. Warum tut sich die Schweiz so schwer damit?

Michael Siegenthaler: „Zu dieser Frage sind mir keine gesicherten wissenschaftlichen Erkenntnisse bekannt. Es handelt sich um eine etablierte Norm, die offenbar schwer zu überwinden ist – wie das bei gesellschaftlichen Normen halt so ist. Zudem ist zu beachten, dass die Firma je nachdem geringe Anreize hat, den Lohn offen zu kommunizieren. Sie schränkt ja ihre Bewegungsfreiheit ein. So ist es denkbar, dass sich zum ausgeschriebenen Lohn ein potenzieller Bewerber nicht bewirbt, der optimal zur Stelle gepasst hätte, und für den die Firma auch bereit gewesen wäre, etwas mehr zu bezahlen.“

Wie ist Ihre Meinung zu diesem Thema?

Michael Siegenthaler: „Ich befürworte höhere Lohntransparenz. Das hat mehrere Gründe. Einerseits reduziert es sehr wahrscheinlich die Lohndiskriminierung. Firmen, die Löhne offen kommunizieren müssen, können anschliessend kaum Frauen oder Ausländern einen tieferen Lohn anbieten als Männern beziehungsweise Schweizern. Zweitens dürfte die Praxis, die Löhne ins Stelleninserat zu nehmen, die Bezahlung von Tieflöhnen verhindern. Eine Firma wird sich kaum erlauben, eine Stelle zu einem sehr tiefen Lohn auszuschreiben. Das hätte Reputationsrisiken, da ja Lohntransparenz auch dazu führt, dass sowohl Arbeitnehmer wie andere Arbeitgeber besser über die Löhne in den jeweiligen Branchen und Berufen Bescheid wüssten, wodurch Tieflöhne auf dem Arbeitsmarkt besser identifiziert werden können. Drittens vermeidet die Ausschreibung von Löhnen in Stelleninseraten Enttäuschungen auf beiden Seiten: Die Firma bekommt keine Bewerbungen mehr von Stellensuchenden, welche zum ausgeschriebenen Lohn die Stelle eh nicht wollen. Gleichzeitig können die Stellensuchenden potentiell gut bezahlende Arbeitnehmer schneller identifizieren. Beides dürfte die Kosten verringern, die zur Jobsuche bzw. Stellenbesetzung nötig sind.“

Vielen Dank Herr Siegenthaler.

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Kommentare ( 6 )

  • Stefan Maußer sagt:

    Eigentlich klar, dass Firmen dagegen sind, denn sie würden sich selber um die Flexibilität einer Verhandlung bringen. Denn tatsächlich bringen Bewerber auch unterschiedliche Qualitäten und Erfahrungen mit und sind daher natürlich auch unterschiedlich viel wert. Außerdem befinden wir uns auf einem Markt und in keiner starren Planwirtschaft. Demnach bestimmen auch Angebot und Nachfrage den Wert eines zu zahlendes Lohn. Ein rarer Spezialist verdient daher mehr, als ein häufig vorhandener Sachbearbeiter. Fazit: Wir sind nicht alle gleich (viel wert)!

    Umgekehrt kann man auch Fragen, ob die Bewerber gerne Ihre Lohnvorstellung in die Bewerbung schreiben – natürlich bevor sie ein Gespräch hatten. Dies wird übrigends immer mehr Sitte genau dies von den Unternehmen zu verlangen. Den Bewerbern gefällt das wiederum auch nicht, da auch sie meist glauben, sich etwas zu vergeben. Da denken Unternehmer und Arbeitnehmer einmal gleich, bloss halt jeweils für das eigene Interesse ;-)!

    • Ruth Gygax sagt:

      Ich bin mit Stefan Mausser einverstanden und finde gewisse Tabus durchaus erhaltenswert. Wir müssen ja nicht alles von den Angelsachsen übernehmen. Es braucht Verhandlungsspielraum für beide Seiten, denn erst beim persönlichen Bewerbungsgespräch werden auf beiden Seiten Informationen gesammelt. Darauf basierend können Ansprüche und Anforderungen erst eingeschätzt werden. Die Einschätzung einer adäquaten Entschädigung braucht diese Zusatzinformationen.

  • Daniel Furth sagt:

    Ich kann Herrn Maußer nicht zustimmen. Ob auf die Vakanz ein Spezialist oder Sachbearbeiter gesetzt werden soll, wird von Anfang an in der Ausschreibung festgelegt und ist so auch in der Stellenanzeige für den Bewerber herauszulesen.

    Wenn das Unternehmen nun ein Gehalt in der Anzeige angibt, kann ich als Bewerber einschätzen, wie viel diesem Unternehmen seine Arbeitgeber generell wert sind (beim Sachbearbeiter steht da eben 32.000 Euro und beim Spezialisten 50.000 Euro). Während des Bewerbungsprozesses kann man dann immer noch in Verhandlungen treten und Veränderungen nach oben oder unten (z.B. Gehalt gegen mehr Urlaub tauschen) vornehmen.

  • Lohntransparenz, zwei Menschen und völlig unterschiedliche Geschichten der Jobsuche sagt:

    […] Vielleicht werden wir das in Deutschland und in der Schweiz ja auch irgendwann erfahren, wenn es gelingt diese Normen zu brechen. Dass das nicht so einfach sein wird, darüber haben sich Jörg Buckmann und Michael Siegenthaler von…. […]

  • Weiblich darf nicht weniger wert sein | buckmannbloggt. sagt:

    […] sicherzustellen, ist die Lohntransparenz, ja generell ein entkrampfter Umgang mit dem Lohn. Auch deshalb publizieren die VBZ bei allen ihren freien Stellen immer auch den Lohn. Oder sie nutzen gesellschaftliche Aufmerksamkeit, um mit einem Augenzwinkern auf ihre […]

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