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Personalmarketing in der Uhrenindustrie: die neue, erweiterte Weihnachts-Edition.

Klingelingeling, hier kommt die Weihnachts-Edition meiner drei erfolgreichtsten Blogs 2012! Aber warum tue ich das? Ob Print, Radio oder Fernsehen: diese Tage sind Jahresrückblicke angesagt und überall werden die (angeblich) Besten des Jahres gewählt. Warum soll ich mir diesen Trend nicht auch zu eigen machen und meine meistgelesenen Blogbeiträge küren? Wobei ich mir es natürlich nicht ganz so einfach mache. Darum lege ich meine drei Besten ergänzt und aktualisiert neu auf. Also, los geht’s mit Platz 3. Und dieser passt erst noch perfekt in die Bescherungszeit – vielleicht haben Sie ja auch Ihrer Liebsten eine neue Uhr unter den Tannenbaum gelegt?

Die ultimative Komplikation: Personalmarketing in der Schweizer Uhrenindustrie. Diesen Beitrag habe ich am 29. August 2012 geschaltet. Er wurde 526 mal gelesen und schafft es damit auf Platz 3 meiner meistgelesenen Artikel. Darüber freue ich mich speziell, weil mir als Uhren Aficionado die Recherche bei diesem Thema ganz speziell viel Freude gemacht hat. Wobei angesichts des hundsmiserablen Arbeitgeberauftritts meine Liebe zu den Kunstwerken am Handgelenk auf eine harte Probe gestellt wurde. Es bleibt mir bis heute ein Rätsel, wie es der Branche gelingt, ihre Fachkräfte zu finden. Es muss wohl an der Strahlkraft der Marken liegen – die Arbeitgebermarke kann es definitiv nicht sein. Einzig die Schaffhauser IWC vermochte mich zu begeistern. Für meine Weihnachts-Edition habe ich noch einmal etwas recherchiert und bei sechs weiteren Uhrenmarken geschaut, ob deren Arbeitgeberauftritt besser tickt als bei den im Sommer unter die Lupe genommenen. Dabei bin ich ganz gezielt auch einmal bei drei erfolgreichen deutschen Uhrenfirmen vorbeigesurft.

Union Glashütte

Die Sachsen sind ja eigentlich Schweizer, seit 2000 gehört das Unternehmen zum Portfiolio von Swatch. Anyway. Die Zeitmesser aus Glashütte gefallen mir eigentlich sehr gut – schönes Design zu anständigen Preisen. Schön auch die Homepage. Nur: Informationen zur Arbeitgeberin Union oder freien Stellen? Schlicht Fehlanzeige.

Nomos

Diese Zeitmesser lassen mein Herz höher schlagen. Das reduzierte Design ist fantastisch und steht in einem angenehmen Kontrast zum verspielten, ja bisweilen überladenen Design anderer Uhren. Nomos verdient aber auch deshalb meinen Respekt, weil sie ihre Werke noch selber herstellen. Und ausserdem haben sie sich im ehemaligen Bahnhofsgebäude von Glashütte eingemietet – somit besteht sogar noch ein Bezug zum öffentlichen Verkehr.

Die Webseite kommt im selben wohltuenden Understatement wie die Uhren selber daher. Kein aufdringliches Design, sondern Informationen und eine ausgewählte Sprache. Welcher andere Hersteller bewirbt eines seiner Modelle schon mit „wunderschön schüchtern“ oder das Modell Zürich (passenderweise) als „unsere Teuerste“. Wow, super, gefällt! Auf der Startseite wurde sogar an einen Karriere Button gedacht. Vielversprechend. Leider hält die Unterseite nicht, was sie verspricht. Ein kurzer Text zur Einstimmung, dann die freien Stellen. That’s it. Das ist beim besten Willen keine Karriereseite. Was mich speziell enttäuscht: bei der Karriereseite ist es fertig mit der klaren Sprache – vielmehr dominieren nichtssagende Floskeln wie hier bei der Stellenanzeige eines Produktionsingenieurs:

Schade, bleiben die Vorzüge des Unternehmens nebulös.

A. Lange & Söhne

Bleiben wir in Glashütte, dem Zentrum Deutscher Uhrmacherkunst. Hier produzieren über 450 Mitarbeitende der Firma Lange Luxusuhren im obersten Segment. Das Unternehmen hat eine lange und wechselreiche Geschichte hinter sich und gehört seit einigen Jahren zum Genfer Richemont Konzern. Die schönen Zeitmesser mit dem charakteristischen Grossdatum kosten heute gut und gerne mehrere zehntausend Euro. Edel kommt auch die Webseite daher. Auf den ersten Blick die Enttäuschung: auch hier, trotz der ansehnlichen Firmengrösse, keine Hinweise zur Arbeitgeberin Lange. Aber dafür auf den zweiten Blick ein Lichblick: Es gibt Infos, und zwar nicht einmal schlecht gemachte! Leider wurden aus unerklärlichen Gründen die grundsätzlich durchaus liebevoll aufgemachten Informationen zum Arbeiten bei Lange sehr gut versteckt und es braucht einigen Entdeckergeist, um sie zu finden. Dort finden sich dann aber ansprechende aufgemachte Informationen, oft auch mit Bezug zur Fimentradition. Sie machen den Spirit der (Arbeitgeber-) Marke auf eine gute Art und Weise spürbar.

A propos spürbar: die Ausbildung junger Menschen scheint dem Unternehmen ein grosses Anliegen zu sein. Die Seite für künftige Auszubildende überzeugt.

Im Umfeld des Traditionshauses wirken selbst die an sich verstaubten Stelleninserate harmonisch und passend. Bewerbungen sind auf dem Postweg oder per E-Mail willkommen, Telefon- und E-Mailadressen sind aufgeführt. Fazit: Trotz der unklaren Navigation und den etwas speziellen Unterverzeichnissen bietet A. Lange & Söhne die mit Abstand besten Informationen für Azubis und potenzielle Mitarbeitende. Und einen Favoriten für mein linkes Handgelenk habe ich auch schon entdeckt: Den Datograph in Platin. Liebe Freunde aus Glashütte, wenn ihr einen Uhrenbotschafter in der Schweizer Bloggerszene braucht…!?

Drei Unternehmen, alle aus Glashütte. Da möchte ich Ihnen doch das Fundstück aus dem DDR-Staatsfernsehen nicht vorenthalten:

http://www.youtube.com/watch?v=h2gz_cR0hwg

Breitling

So jetzt, bin ich aber genug fremdgegangen – zurück ins Uhrenland Schweiz, der Heimat von Zeiger, Ziffernblatt und Unruh. Die Schweizer Uhrenindustrie reiht Rekordjahr an Rekordjahr, auch ein wirtschaftlicher Abschwung, die Eurokrise oder der beinharte Franken können ihr nichts anhaben. Die Branche boomt. Schauen wir uns doch einmal bei Breitling um. Nun, Understatement ist nicht Sache des Unternehmens, das Zeitmesser im oberen Preissegment produziert und sich vor allem auch bei Aviatikfans einen Namen gemacht hat. Beruhigend zu wissen, dass auch David Beckham auf die Zeitmesser aus Grenchen vertraut (wofür wirbt der eigentlich nicht?).

Die Homepage enthält viele Informationen, einen eigenen Radio-Kanal, eine interessante Abhandlung der Firmengeschichte, Hintergrundinformationen zur Uhrenpflege, aber… Sie ahnen es, weder Informationen zur Arbeitgeberin Breitling noch einen Hinweis zu freien Stellen. Einfach nichts, nada. Interessant, wenn man bedenkt, dass Breitling wie viele andere Uhrenhersteller im schwierigen Schweizer Arbeitsmarkt Fachkräfte sucht, wie ein Blick in eine regionale Jobplattform bestätigt. Unverständlich.

Zenith

Mein lieber Kollege und Uhrenfreund Yves Mäder inspiriert mich, nun bei Zenith vorbeizuschauen. Das Unternehmen aus Le Locle im Schweizer Uhrenmekka Jura ist bekannt für sein weltberühmtes Uhrwerk „El Primero“, dem ersten automatischen Chronographenwerk, welches bereits seit 1969 produziert wird. Die gute Nachricht vorab: es gibt einige Informationen zum Arbeiten bei Zenith. Wer im Menupunkt „Manufacture“ sucht, findet „Talants“. Ein Prototypen-Uhrmacher erzählt in einem Video von seinem Job. Soweit so gut. Zudem werden in stylishem schwarz-weiss 16 Mitarbeitende mit Vornamen und – wie zu vermuten ist – an ihrer Arbeit vorgestellt.

Unbefriedigend ist, dass es bei Vornamen und Foto bleibt. Keine Informationen zur Person und ihrem Beruf. So verkommt die an sich schön angedachte Idee, die Vielfalt an Menschen und Berufen zu zeigen, zur wenig aussagekräftigen, oberflächlichen Bilderorgie.

Wie bei Breitling auch werden auf der Seite keine freien Stellen beworben – oder ich habe sie vielleicht nicht gefunden. Gefunden habe ich hingegen ein Stelleninserat des Unternehmens auf jobup.ch, der grössten Jobplattform der französischsprachigen Schweiz. Ehrlich gesagt verstehe ich nun, warum Zenith so etwas nicht auf ihrer Seite haben will. Dieses Inserat hat das Potenzial, zum schlechtesten Stelleninserat des Jahres gewählt zu werden – meine Stimme hat es auf sicher.

Das es auch anders geht, beweist zum Beispiel die Stihl AG mit ihren neuen Stellenanzeigen.

Patek Philippe

Die Zeitmesser von Patek Philippe gehören zum besten und edelsten, was die Uhrmacherkunst zu bieten hat. Dementsprechend distinguiert gibt sich auch die Homepage, die gut strukturiert und schön getextet ist. Vornehme Zurückhaltung übt die Genfer Uhrenmanufaktur auch bei den Karrieremöglichkeiten aus. Immerhin gibt es ein paar dürftige Informationen dazu, dass das 1600 Mitarbeitende starke Unternehmen doch auch ab und an neues Personal sucht. Das sieht dann so aus:

Interessant: wie bei den beiden anderen Schweizer Uhrenfirmen werden Stellen nicht auf der eigenen Homepage beworben, sondern über eine externe Jobplattform. Für mich nicht nachvollziehbar, warum ein potenzieller Bewerber, der sich auf der eigenen Homepage über Karrieremöglichkeiten informieren will, keine Informationen zu den konkreten freien Stellen erhält. Convenience im Recruiting sieht definitiv anders aus.

Die erweiterte Bestandesaufnahme bei je drei Deutschen und Schweizer Uhrenfirmen zeigt: Das Personalmarketing dieser Branche ist ein Anachronismus sondergleichen. Eine Branche, die das Produktemarketing und das Spielen auf der Klaviatur der Käuferemotionen so hervorragend beherrscht, versagt im Personalmarketing (fast) total. Einzig A. Lange & Söhne vermag zu überzeugen. Es ist geradezu unglaublich, wie diese High-Tech Branche die Möglichkeiten des Internets für das Personalgewinnung links liegen lässt. Wie lange die Unternehmen noch alleine auf die Ausstrahlung ihrer Marke bauen können, ist angesichts des ständig steigenden Bedarfs an Fachkräften fraglich. Der Arbeitgeberverband der Schweizer Uhrenindustrie rechnet mit einem zusätzlichen Bedarf von 15% bis 2016. Da sollten  die Verantwortlichen in Sachen Arbeitgeberauftritt und Personalmarketing schon sehr bald einmal anders Ticken – sollte man meinen. Da wünsche ich mir ja schon fast ein Rap-Video für die Uhrenbranche! Ach übrgigens, wussten Sie eigentlich, woher das Ticken in den Uhren kommt?

Natürlich bleibe ich trotzdem meiner Leidenschaft für schöne Zeitmesser treu – schliesslich will ich ja Uhren tragen und nicht bauen. Mit meinen beiden linken Händen gehöre ich definitiv auch nicht zur Zielgruppe des Personalmarketings in der Uhrenbranche.

Auf Wiederlesen.

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