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ProSpecieRara: ehret Schweizer Schaffen im Recruiting – eine Art Gegendarstellung mit Augenzwinkern.

«Wer hat’s erfunden? Mit Sicherheit nicht die Schweizer – Social Media Recruiting» So brutal titelte heute Montag der Personalmarketingblog von Lutz Altmann. Führhand  Jab, Uppercut. Päng, das sass. Ja gopfertelli, dachte ich, greift denn jetzt das „Schweiz-Bashing“ schon auf das Personalmarketing über? Obwohl, oder vielleicht gerade weil, die VBZ und meine Wenigkeit als löbliche Ausnahme genannt wurden, habe ich mich gleich selber als Winkelried für die Schweizer HR-Szene mandatiert. Im Gegensatz zur lächerlichen Kavallerie-Drohung von Peer Steinbrück fahre ich wirklich starkes Geschütz auf: Ich beantrage bei ProSpecieRara die Gründung einer Sektion Personalmarketing Schweiz! ProSpecieRara ist eine (im allerbesten Sinne) altehrwürdige Schweizer Institution, die sich der Rettung und Behütung einheimischer Pflanzen und Tiere verschrieben hat und sich das Wissen und die kulturellen Werte der traditionellen Sorten und Rassen zum Ziel setzt. Auch wenn es ProSpecieRara eher um Pflanzen und Tiere als um das Schweizer Personalmarketing geht – aussergewöhnliche Ereignisse erfodern mutige Taten. Finde ich. Wobei für mich die ganze Schose ja sehr einfach durchschaubar und nachvollziehbar ist. Hier geht es um die wahrscheinlich mächtigste Triebfeder der Menschheit: Neid. Und Eifersucht. Und Missgunst. Ich kläre auf und nenne die unbequemen Fakten.

Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit

Spätestens seit die Schweiz Deutschland als Fussballnation geschlagen und abgehängt hat, sind die Deutschen neidisch auf unser kleines „Eiländ“. Nun also auch noch der Fussball, denn im Skifahren, Eishockeyspielen oder Hornussen sind wir schon seit jeher voraus. Vielleicht noch Boxen als letzte Bastion? Nun, die Klitschkos mag ich, aber sie sind Ukrainer und das wissen wir alle ganz genau. Aber auch sonst ist hier in der Schweiz die Welt noch oder wieder in Ordnung: Immerhin schon seit den 1970-er Jahren dürfen auch bei uns Frauen abstimmen, unsere Armee gilt (wenn auch nur in engsten Insiderkreisen) als die Beste der Welt und für die Ehefrau unseres Bundespräsidenten ist ein Rotlicht definitiv und gänzlich unverdächtig ganz einfach der Haltebefehl an einer Ampel. Und wir sind stolz auf unsere humanitäre Tradition. Das Rote Kreuz haben wir erfunden und wir nehmen überproportional viele Flüchtlinge auf – am Liebsten aus Deutschland und mit grossen Geldkoffern. Und wir? Ja wir teilen völlig selbstlos das Beste, was unser kleines Land zu bieten hat, mit unseren nördlichen Nachbarn: Schoggi, Käse und Uhren. Die legendären Ricola Kräuterbonbons und Rivella. Und den besten Kabarettisten ever, unseren Emil. Paola und Kurt Felix. DJ Bobo. Roger Schawinski. Luca Hänni und Stefanie Heinzmann. Und natürlich Michelle Hunziker. Und einige der weltbesten Referenten sowieso. Na also, sind das Fakten oder nicht? Bitte entschuldigen Sie, ich bin etwas abgedriftet. Zurück zum Personalmarketing und dem eigentlichen Thema dieses Beitrags.

Herbstzeit ist Studienzeit.

Eva Zils, von mir sehr geschätzte Bloggerin aus Strasbourg (ja, ich weiss, dass Strasbourg im Elsass und somit nicht in Deutschland liegt), hat HR-Verantwortliche in Deutschland, Österreich und der Schweiz nach ihren Recruiting Präferenzen gefragt. Die Schweiz schneidet für dabei nicht eben gerade sehr vorteilhaft ab. Auf dem Personalmarketingblog von Lutz Altmann nimmt sie denn auch kein Blatt vor den Mund. Der Schweizer Online Recruiting Markt stecke noch nicht einmal in den Kinderschuhen, sondern vielmehr noch in den Geburtswehen. Weiter konstatiert sie lapidar, dass Social Media (Recruiting) in der Schweiz keinen hohen Stellenwert habe. Gemäss ihrer Studie nutzen 48 Prozent der befragten Schweizer Personaler keine sozialen Netzwerke zur Kandidatenansprache und sogar 6 Prozent zeigen keinerlei Interesse daran. Nicht eben schmeichelhaft.

Ich teile die Einschätzung von Eva Zils im Grundsatz: Die Schweizer haben noch ganz viel zu tun und nachzuholen. Ich ärgere mich auch oft über die Trägheit, mangelnden Mut und ewiges Lamentieren über fehlende Budgets oder das unzureichende Standing von HR in den Unternehmen. Ich bin einverstanden, dass wir in Social Media Recruiting wohl hinter Deutschen Arbeitgebern hinterherhinken – vermutlich. Aber. Ich zweifle daran, dass die Unterschiede zu Deutschland so frappant sind. Ich habe zwei Einwände bzw. Hypothesen:

Erstens: Das Studiendesign verzerrt das Bild.

Wir starten mit einem einfachen Dreisatz. Aufgepasst, Taschenrechner geschnappt und los geht’s: Deutschland ist zehmal grösser als die Schweiz. An der Schweizer Umfrage haben 730 Teilnehmer mitgemacht. Wieviele Deutsche Personaler müssten sich an der Umfrage beteiligen, wenn sie in gleichem Masse engagiert sind? Richtig: 7300. Beteiligt haben sich aber nur 335. Somit ist die Beteiligung an der Studie in Deutschland 20 mal (!) tiefer als in der Schweiz (Himmel, hoffentlich habe ich richtig gerechnet. Wenn nicht – der berühmteste Mathematiker in der HR-Szene ist unbestrittenermassen ein Anderer). Wenn ich Eva richtig verstanden habe, wurden dank der Partnerschaft mit dem Schweizer Branchenführer jobs.ch nicht nur quantiativ Viele, sondern vor allem auch eine breite Masse an HR-Verantwortlichen erreicht. Dank E-Mail Versand auch viele Personaler, die keinen oder wenig Bezug zu Social Media haben. Demgegenüber wurden die Teilnehmer in Deutschland vor allem über Social Media Kanäle angesprochen. Durch die unterschiedliche Distribution wurden auch unterschiedliche Zielgruppen angesprochen, was das Ergebnis deutlich verzerrt. Meine Hypothese: Wären auch in Deutschland die Personalverantwortlichen in der selben Breite angesprochen worden, wäre das Ergebnis nahe bei den Schweizer Zahlen.

Zweitens: Die ICR-Studie von Wolfgang Brickwedde sagt… genau das Gegenteil.

Fast gleichzeitig mit der Studie von Eva Zils hat auch Wolfgang Brickwedde seinen Recruiting Report 2012 veröffentlicht. Auch er ortet für die DACH-Region (Deutschland, Österreich, Schweiz) einen erheblichen Nachholbedarf in Sachen Social Media, kann aber aufzeigen, dass sich in den letzten Jahren die „Szene“ in diesem Thema doch deutlich bewegt hat. Brisant: Beim Institut for Competitive Recruiting von Wolfgang Brickwedde lautet die Schlagzeile: «Schweizer dreimal so pro-aktiv in der Personalbeschaffung wie Österreicher» – und auch deutlich mehr als Deutsche. Und auch sonst sind nach dem Report die Schweizer HR-Leute ziemlich forsch, was die Beurteilung der eigenen Recruitingleistung angeht. Auch in Sachen Nutzung von Social Media Kanälen sehen sich die Schweizer vorne: Blogs, Twitter, Facebook, Xing, Linkedin. Überall sehen sich Schweizer Personaler in Führung. Nur gerade bei Facebook sagen die Kollegen aus Österreich, dass sie dieses Instrument noch mehr nutzen als wir Schweizer. Ziemlich selbstbewusst, meine Kolleginnen und Kollegen. Doch Wolfang Brickweddes Report setzt noch einen drauf: «Im Detail ist dieses Selbstbewusstsein in den Bereichen Employer-Branding und Sourcing (proaktive Suche) nach potenziellen Kandidaten, besonders ausgeprägt. Hier liegen die Einschätzungen sowohl in Österreich als auch in der Schweiz teilweise um 50 Prozent besser als in Deutschland.»

Tja, was sind wir denn nun? Bergler oder Social Media Avantgardisten? Vielleicht liegt die Antwort halt doch irgendwo in der (gut schweizerisch neutralen) Mitte und auch bei Punkt eins, dem Umfragedesign. Bemerkenswert ist auf jeden Fall, dass bei der ICR-Umfrage meines Wissens die Zielgruppen in allen Ländern identisch angesprochen wurden und dementsprechend die Antworten auch der Länderstärke entsprechend (De: 80%, CH und A je 10%) zurückgeflossen sind.

However: Es macht Spass.

Nun, ich werde Wolfgang Brickwedde in diesen Tagen persönlich fragen und an dieser Stelle darüber berichten. Ich bin gespannt. Und das Datenmaterial aus der Social Media Recruiting Studie von Eva Zils wird in meinem Bericht über den Stand von Mobile-Recruiting in der Schweiz am nächsten Montag eine wertvolle Rolle spielen. Aber wissen Sie was? Eigentlich ist es mir so was von egal, welche der Umfragen stimmt. Der wesentliche Punkt ist doch, dass sich HR mit diesen Fragen beschäftigt und auseinandersetzt. Ich denke sowieso, dass die Unterschiede in der DACH-Region so gross nicht sind. Aber genau so wie bei der Studie von Eva Zils löst bei mir auch die angeblich so hohe pro-Aktivität der Schweizer Recruiter beim ICR-Report ein Stirnrunzeln aus. Realität oder Wunschdenken? Aber eben. Irgendwie sitzen wir alle in einem Boot. Und diese Diskussionen mit engagierten Kolleginnen und Kollegen machen eine Menge Spass. Wie sang doch Markus so treffend?

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In diesem Sinne sage ich mal wieder: Auf Wiederlesen.

P.S. Ach ja, fast hätte ich es vergessen. Nur so um den Bogen zu schliessen: die 1982 gegründete Schweizer Stiftung ProSpecieRara hat seit Kurzem auch einen Ableger im Ausland – nun raten Sie mal wo… :-)

Ach ja, noch etwas. In der Schweizer HR-Szene gibt es immer wieder frische und pfiffige Ideen und Köpfe. Haben Sie z.B. im Printscreein zum Youtube-Fussballfilm den coolen Werbebanner gesehen? Der Klick führt direkt zur grossartigen Facebookseite der Kantonspolizei Basel-Stadt. Oder kennen Sie Eqipia und Patrick Mollet? Oder Prospective Media, eine der agilsten Multiposting-Agenturen? Oder x28 mit ihrer wahrscheinlich sogar europaweit führenden Semantik für das Auffinden von Stelleninseraten? Ach, ich muss aufhören – sonst fange ich noch an, die Nationalhymne zu intonieren. Und damit wäre dann definitiv keinem gedient…

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