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Toleranz im HR: Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat…

NotausgangIch nehme den Notausgang. Ich mag nicht. bin nicht Wurst. Ich bin auch anders, möchte ich in die Social Media Welt rufen. Mögen doch von mir aus die Anderen jubeln über den Sieg des singenden Travestiekünstlers Tom Neuwirth alias Conchita Wurst. Einem talentierten Selbstdarsteller und Showbiz-Profi, kein Thema. Was soll die Aufregung, könnte man meinen. Ehrlich gesagt, ich rege mich schon ein bisschen auf. Mein Reizthema: Toleranz. Dazu muss ich jetzt einfach mal – selbstverständlich auch aus HR-Sicht – ein paar Gedanken loswerden. Ich bin dazu im Übrigen absolut legitimiert: Als St. Galler bin ich gewissermassen von Geburt auf Fachmann in (Brat-) Wurstfragen

Am Sonntagvormittag habe ich mir im Fitnesscenter die Zeit auf dem Stepper mit dem ZDF-Fernsehgarten vertrieben (kein Beweismaterial vorhanden). Die sichtlich euphorisierte Moderatorin „Kiwi“ Kiewel (welche Pilze nimmt die eigentlich?, meinte der Typ auf dem Rudergerät neben mir lakonisch) fragt eine junge Frau im Publikum, wie sie über Conchita Wurst und ihren Sieg denkt. Die Antwort („das Aussehen irritiert mich schon“) war dummerweise nicht nach Drehbuch und schon gar nicht nach dem Gusto der Moderatorin. Kiewel kanzelte die junge Zuschauerin stante pedes als intolerant ab und diskriminierte sie im gleichen Satz gleich auch noch wegen ihres Alters knapp über 20 („wie alt bist Du? Ich könnte ja Deine Mutter sein“). Unglaublich, so viel zum Thema Toleranz.

Jetzt hat die Jubelorgie der Toleranz hat auch das HR erreicht. Ein starkes Zeichen für Toleranz. Wir sind offen, auch wir im HR, gerade wir. Yuppi Yuppi Yeah!!! Wir sind Wurst! Schön. Toll. Oder treffender: Geil. Zeit für eine Versachlichung der Diskussion. Ich halte meinen Kopf jetzt einfach mal aus meinem kleinen und bescheidenen Schweizer Bünzli-Fensterlein raus in den Toleranzmainstream.

Deine Toleranz. Meine Toleranz.

Die Freiheit des einen hört bekanntlich dort auf, wo die des anderen beginnt. Verhält es sich mit der Toleranz nicht auch irgendwie so? Wer Toleranz einfordert, muss selber auch Toleranz leben. Im Spannungsbogen der Toleranz gibt es Grenzen, sie zu ertasten, erfordert Respekt und Feingefühl. Könnte es also nicht auch so sein, dass das bewusst auf Provokation gebürstete Aussehen der Künstlerin am anderen Ende des Toleranzbogens andere Menschen brüskiert? Wo bleibt der Respekt der Travestiekünstlerin Wurst anderen Menschen gegenüber (ich meine nicht nur ältere Menschen oder Kinder)? Ist jemand wirklich intolerant, wenn er/sie sich von diesem Aussehen irritiert fühlt? Vielleicht auch mal ein toleranter Gedanke wert, oder? Bevor Sie jetzt aufschreien, hören Sie mal hin und entspannen Sie sich:

Dieser Beitrag ist ja auch ein wunderschönes Beispiel gelebter ESC-Toleranz. Dass wir uns recht verstehen: Was in der Ukraine abgeht, ist scheusslich. Eine Katastrophe. Die Geschichte mit der Krim. Die tödlichen Provokationen in der Ostukraine. Was für eine grauenhafte Politik. Aber sind wirklich die beiden 17-jährigen Russinnen daran Schuld? Warum werden sie von der toleranten ESC-Gemeinde in eine Art Geiselhaft genommen? Nicht gerade die feine Art, nett ausgedrückt. Und ziemlich intolerant. Ich bin schliesslich auch Schweizer – und nicht nur Köppel, Mörgeli, Maurer oder Blocher und wie sie alle heissen, die im Ausland so tun, als wären sie die Repräsentanten der Schweiz.

Vertiefen und verlegen wir diese Toleranz-Überlegungen doch einmal in unserer HR-Welt.

Toleranz im HR

Wir HR-Menschen haben es ja eigentlich schon immer gewusst: Wir sind tolerant. Schliesslich sind wir die Gralshüter der weichen Skills. Ach so? Doch wie war das schon wieder mit…

Frauen sind nach wie vor und nachweislich deutlich schlechter bezahlt. Nur ein Teil des Lohnunterschieds ist objektiv erklärbar, es bleibt ein spürbarer Diskriminierungsabschlag in den Lohntüten der Frauen. Bis heute.

Verschiedene Unternehmen und Universitäten tüfteln an der anonymen Bewerbung. Nicht aus Spass. Ausländerinnen und Ausländer, ja generell Menschen mit fremdländisch klingenden Namen haben massivste Nachteile, sie schaffen es deutlich weniger an die Bewerbungstische von uns HR’lern. Traurig, aber wahr.

Ältere Mitarbeitende – in vielen HR Köpfen beginnt diese Zielgruppe schon ab Fünfzig. Spätestens. Teuer, unflexibel, krankheitsanfällig. Ganz schön tolerant. Und ich gehöre in wenigen Jahren auch dazu. Kein schöner Gedanke.

Die HR-Ratgeber sind voll von Regeln, an die sich Bewerberinnen und Bewerber zu halten haben, um unsere Recruiter-Toleranz nicht allzu sehr zu strapazieren: Rock höchstens auf bzw. unter Kniehöhe. Keine Absätze über 5 cm. Kein Décolleté. Männer mit perfekter Rasur. Hemd geschlossen, kein Brusthaar zu sehen. Parfum dezent. Auf die Minute pünktlich. Piercing und sichtbare Tattoos? Besser nicht. Und wehe, der Bewerber fordert die Spesen ein. Wo bleibt da die Toleranz. Ein Mindestmass davon wenigstens?

The moment of Toleranz-Truth: Das Bewerbungsgespräch von morgen Vormittag

Jetzt gebe ich noch einen drauf, einen Bonustrack gewissermassen für alle, die „wir sind Wurst“ und „Toleranz: endlich“ auf ihre Fahnen geschrieben haben und in die Weiten des Social Web posaunen. Hand auf’s Recruiterherz: Wie verhalten Sie sich, wenn morgen um 9 Uhr 15 anstelle des jungen BWL-Abgängers eine Dragqueen mit Bart sitzt? Wie gross ist Ihre persönliche Toleranz dann? Wie entscheiden Sie sich im Toleranz-Dilemma zwischen der persönlichen Freiheit des Kandidaten und dem Empfinden eines Teils der künftigen Arbeitskolleginnen und -kollegen?

Versöhnlicher Abschluss

Vielleicht alles etwas gesucht, ich gebe es ja zu. Aber vielleicht trotzdem ein paar Überlegungen wert. Lassen Sie uns das Süppchen also wieder auf Normaltemperatur runterkochen. Und wenn die Toleranz-Euphorie um Conchita Wurst dazu führt, dass im Human Resources die Toleranz gegenüber allen anderen, die aus dem 28-35 jähriger weisser Mann, verheiratet mit zwei Kindern und trotzdem zeitlich und örtlich flexibel – Rahmen fällt, ja dann werde ich vielleicht auch noch zaghaft ein „gefällt mir“ hauchen.

Damit sie am Ende nicht noch denken, ich wäre ein schlechter Verlierer und würde unserem Nachbarland den ESC-Sieg nicht gönnen – hier meine persönliche Hitparade, ganz ohne den Schweizer Vertreter:

12 Points: Iceland

10 Points: San Marino

8 Points: Germany

https://www.youtube.com/watch?v=j4jRCm31E0g

Auf Wiederhören Wiederlesen

Kommentare ( 10 )

  • Enea Marieni sagt:

    Bei diesem Spiel geht es natürlich nicht um Toleranz, ich gebe Ihnen soweit Recht und möchte gerne in das ganze Chaos eigene Gedanken (auf Ihrer Plattform) einbringen. Zuerst sollten wir einen Schritt zurücktreten und uns Fragen was die Absichten sind? Geht es um die ungewohnte engelhafte Erscheinung in Gold und der angeblichen Gesellschaftskritik? Was den Contest betrifft kann ich nicht mal sagen wie sich die Stimme „der Toleranz“ anhört, ich schaue kein Fernsehen. Special Interest Themen über DVD, Kino & Youtube genügen. Es ist egal, denn in allen Winkeln Europas überfluten sich die Artikel mit den gleichen Floskeln. Journalisten aus Print und TV, auch Blogger (wie Sie und auch ich mit diesem Kommentar) schreiben zum Thema. 

    Mein Fazit (ich vermeide die Key Words) zielt deshalb nur auf die mediale Essenz und hört sich simpel an : Es geht um die Quote – Nur um die Quote. Egal in welchem Medium. (auch in diesem) Mit einem Schluck Kaffee tut man (nichts) gutes (siehe Fair Trade Werbung) Mit einem „Gefällt mir“ im FB gegen Tierdressur sagt Mann/Frau ich gefalle mir selber, finde mich auch gut. 

    Wir sind im Zeitalter ich habe alles Verstanden angekommen. Angekommen? Wir benebeln uns mit diesen medialen Contests und Klickraten, die völlig inhaltslos nichts beitragen, ausser eben die Quote stimmt …und wir zufrieden und tolerant im Bett einschlafen dürfen. 

    Etwas düstere Gedanken zum aktuellen Thema – Sorry
    Enea Marieni

  • Hans Steup sagt:

    Der amerikanische Philosoph George W. Bush jun. sagte mal: „Wer nicht für die Wurst ist, ist gegen die Wurst.“

    Polarisierung funktioniert nicht, wenn alle dafür sind. Es braucht den Gegenpol. Das hat Frau Kiwi entweder nicht verstanden oder sie muss die weichgespülte Mehrheitsmeinung vertreten, damit keine Beschwerden kommen.

    Toleranz ist gut. Meinungsvielfalt auch. Das beißt sich – je nach Pol, an dem man sich gerade befindet.

    In der HR ist es nicht anders. Wenn ich jemanden nicht mag, stelle ich ihn nicht ein. Basta. Ob das immer ‚vernünftig‘ ist, sei dahin gestellt.

    Wir müssen akzeptieren, dass nunmal der Bauch entscheidet und nicht der Kopf. Und der Bauch kann ganz schön intolerant sein.

    – Hans Steup, Berlin

  • ritaseidel sagt:

    Wo ist eigentlich die Grenze zwischen Toleranz und Gleichgültigkeit? Wenn’s einen gar nicht mehr gegen den Strich bürstet, es nicht mehr irritiert, ist die Toleranz wohl schon abgestorben.

  • Georg sagt:

    Kiewel hat trotzdem richtig reagiert. Natürlich darf man sich davon irritiert fühlen, das hat nichts mit Toleranz und Intoleranz zu tun. Man ist ja auch irritiert, wenn ein Bodybuilder neben einem steht oder jemand mit grünen Haaren.

    Vor einem Millionenpublikum war es allerdings ihre Pflicht (vierte Gewalt und so), die Aussage der jungen Dame ins Verhältnis zu setzen. Denn wir diskutieren hier zwar auf hohem Niveau über Toleranz, aber es gibt auch viele einfältige Gemüter vor den Bildschirmen, die (vermutlich anders als die junge Dame) einen wirklichen Hass auf obskure Erscheinungen wie Conchita Wurst reagieren, dazu muss man sich nur die Kommentare unter entsprechenden Youtube-Videos durchlesen. Ihnen muss im Sinne einer Demokratie auch im Fernsehen vorgelebt werden, dass Intoleranz fehl am Platz ist, wenn ein Travestiekünstler mit Bart im Fernsehen auftaucht. Wem sollte EIN TRANVESTIT MIT BART denn bitte etwas zuleide tun? 😀

  • Chris Pyak sagt:

    Hallo Herr Buckmann,

    Sie schreiben: „Könnte es also nicht auch so sein, dass das bewusst auf Provokation gebürstete Aussehen der Künstlerin am anderen Ende des Toleranzbogens andere Menschen brüskiert? “

    Kennen Sie Rosa Parks? Diese Frau hat mit Ihrem Verhalten die Gefühle extrem vieler Amerikaner verletzt. Sie hat die Grenzen des gesellschaftlich akzeptierten überschritten und bewusst provoziert.

    Wie?

    Sie hat als schwarze Frau darauf bestanden im Bus vorne zu sitzen: Auf den Plätzen die für Weiße reserviert waren.

    Hätte Rosa Parks sich um die Gefühle der Mehrheitsgesellschaft gekümmert, gäbe wahrscheinlich noch heute Segretation in den USA. Die Forderung „andere nicht zu brüskieren“ lässt sich mit einer demokratischen, freien Gesellschaft nicht in Einklang bringen.

    Bei uns in Düsseldorf läuft im Sommer ein älterer Mann im String-Tanga durch die Innenstadt. Das wäre mir persönlich zuwider – aber wir Rheinländer nehmen es gelassen: Jeder Jeck ist anders.

    Echte Toleranz ist erst dann gefordert, wenn uns etwas wirklich gegen den Strich geht. Echte Freiheit bedeutet die Grenzen des allgemein akzeptierten überschreiten zu dürfen. Provozieren zu dürfen. Und weder Ihnen noch mir steht es zu, zu definieren wie weit jemand diese Grenze überschreitet.

    • Jörg Buckmann sagt:

      Lieber Chris, ich danke Ihnen für Ihre Zeilen. Ich vermute mal, dass wir in uns in einer liberalen und toleranten Grundhaltung sehr ähnlich sind. Ich finde, den Vergleich mit Rosa Parks nicht so treffend und nein, ich finde nicht, dass Provokation ohne Grenzen zu einer Art „Grundrecht“ gehört. Ich bin aber zu 100 Prozent und kein „müh“ weniger voll bei Ihnen (und dem Kommentar von Georg), dass es nicht sein darf, dass die sexuelle Ausrichtung in irgend einer Form in unserem privaten oder beruflichen Leben eine Rolle spielt. Ich vermute mal, dass das schon noch teilweise so ist und ich finde auch, dass das skandalös ist. Auf jeden Fall schätze ich sehr, dass hier auf einem guten Niveau über diese Frage diskutiert werden kann. Herzliche Grüsse aus Zürich

      Jörg

  • Personalmarketing Wochenrückblick KW 20 sagt:

    […] Sie werden es wohl auf irgendeine Weise in den Medien mitbekommen haben: Conchita Wurst hat am letzten Wochenende den Grand Prix gewonnen. Gleichzeitig ging natürlich wieder die Toleranz-Frage durch die Medien. Das hat Jörg Buckmann zum Anlass genommen, auch mal die Toleranz im HR etwas genauer unter die Lupe zu nehmen. Weiterlesen… […]

  • Szilvia Balazs-Toth sagt:

    Hallo Herr Buckmann

    Ich bin von Österreich und erlebe „die Wurst“ persönlich, sowie die Nachteile, wenn man sich mit ausländischen Namen bewirbt.
    Ich bin also mit jedem Wort Ihres Textes einverstanden, überhaupt mit dem Satz: „Wer Toleranz einfordert, muss selber auch Toleranz leben.“ Damit ist alles gesagt

    freundliche Grüße aus Österreich
    Szilvia

  • Wurst die Zweite: Rechtliche Betrachtung über Toleranz im Recruiting. | buckmannbloggt. sagt:

    […] Sie kam irgendwo aus dem nirgendwo und bestimmte über Nacht die Schlagzeilen: Conchita Wurst alias Tom Neuwirth.  Weit über 1000 Leserinnen und Leser haben meinen Einwurf zur allgemeinen Toleranz-Euphorie um Conchita Wurst, der singenden Travestie-Künstlerin, gelesen. So habe ich unter anderem meine HR-Kolleginnen und -kollegen rhetorisch gefragt, wie es denn um ihre Toleranz stünde, wenn ihnen bei einem Vorstellungsgespräch plötzlich Frau Wurst gegenüber sitzen würde: Hand auf’s Recruiterherz: Wie verhalten Sie sich, wenn morgen um 9 Uhr 15 anstelle des jungen BWL-… […]

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