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Überzeugend: Bewerbungen von Frauen sind doppelt so gut.

Frauen bewerben besserPhilosophieren…?! So kurz nach Weihnachten ist doch der perfekte Zeitpunkt, um ein wenig zu philosophieren, finden Sie nicht auch? Zum Beispiel über das Schenken. Oder gar über den Sinn des Lebens. Oder einfach über die Fragen, die einen als HR-Menschen das ganze Jahr über beschäftigen. Wie zum Beispiel DIE Frage aller Fragen: „Warum heisst es eigentlich DIE Bewerbung? Und nicht der Bewerbung? Oder das Bewerbung, schliesslich ist ja so ein Bewerbungsdossier sächlich?! Geben Sie es zu – diese Frage hat Sie auch schon umgetrieben, ja vermutlich sogar um den Schlaf gebracht. Oder? Auch wenn ich nicht Blogger des Jahres geworden bin – die Sensation der wissenschaftlichen Klärung dieser Frage nehme ich wie gewohnt unbescheiden für mich in Anspruch. Es heisst nämlich DIE Bewerbung, weil Frauen ganz einfach bessere Bewerbungen schreiben. Und nicht etwa nur ein bisschen besser, sondern gleich mehr als doppelt so gute wie wir Männer. Sternefoifi, was ist bloss los mit der Männerwelt, ja mit unserer Mutter Erde?

Bewerbungen von Frauen sind doppelt so gut – mindestens

Zugegeben, der Titel ist etwas provokativ, wenigstens für die männliche Hälfte der Menschheit. Und das sind ja immerhin fast vier Milliarden. Hintergrund: Der Zürcher Tages-Anzeiger berichtete kurz vor Weihnachten über die erfolgreiche Personalsuche der VBZ und ganz speziell über die auch 2013 erfolgreiche frechmutige Kampagne der VBZ für mehr Frauen in den Tramcockpits. Dabei haben die VBZ Frauen direkt angesprochen. Dabei fällt auf, dass Bewerbungen von Frauen speziell gut abschneiden. Ich trete hiermit den Beweis an – und werfe einen Blick über die VBZ-Grenzen hinaus und spreche mit Rudolf Elsener von Kelly Services über dieses keinesfalls philosophische Thema.

Kurze Presseschau: Am 19. Dezember titelte der Zürcher Tages-Anzeiger in seiner online-Ausgabe:

Frauen bewerben besser

Ziemlich klare Ansage, meine ich. Ich gebe hier so ganz unter uns noch einen drauf und sage: Bewerbungen von Frauen sind nicht einfach besser, sondern mehr als doppelt so gut wie jene ihrer männlichen Konkurrenten. Ja wenn das mal bloss keinen Ärger mit meinen Geschlechtsgenossen gibt. Aber ein bisschen hatte ich den ja schon. Zufferey„Eine Selbstinszenierung von Herrn Buckmann“, meinte zum Beispiel ein Kommentarschreiber auf Tages-Anzeiger online (übrigens fast ausschliesslich Männer, vielleicht ist ja auch das typisch männlich…) und 47 Mitleser stimmten ihm zu. Naja, immerhin zieht er den Hut vor meinem Inszenierungstalent. Besten Dank, Herr Zufferey, ich fühle mich ja so was von geehrt. Und mein langjähriger Kollege Urs unterstellte mir gar eine triebgesteuerte Motivation zu dieser Aussage. Quatsch. Lieber Urs, hier sind die Fakten.

Bewerbungsdossiers von Frauen sind doppelt so gut wie jene von Männern

Die Tatsachen. Im Jahr 2013 haben sich über 2000 Menschen um eines der freien Tramcockpits bei den VBZ beworben, 590 davon waren Frauen. Über alles gesehen führte jedes 36. Bewerbungsdossier zu einer Anstellung. Unterscheidet man nach den Geschlechtern, dann werden die Qualitätsunterschiede augenscheinlich – und frappant. Beim Stapel der Männerdossiers kommt es nur bei jeder 47. Bewerbung zu einer Anstellung. Bei den Frauen zücken meine Arbeitskolleginnen und -kollegen in der VBZ-Personalabteilung jedoch sage und schreibe schon bei jedem 21. Dossier den Anstellungsvertrag. Bewerbungen von Frauen führen also doppelt so häufig zu einer Anstellung als Bewerbungen von Männern. Ob uns Männern das nun passt oder nicht. Oder mit anderen Worten: Bewerbungen von Frauen sind doppelt so gut wie jene von Männern.

Frauen agieren sorgfältiger und bisweilen unnötig zurückhaltend

Warum ist das so? Im Sinne eines Erklärungsversuchs greife ich auf Hypothesen und vielleicht auch auf Stereotypen zurück. Interessant übrigens: Während es zu anderen Themen tausende von Studien gibt, finden sich im Netz wenig bis keine Hinweise zu diesem Phänomen. Meine Hypothese (die gleichzeitig auch als dafür herhalten kann, warum es in Kaderpositionen vielerorts an Frauen mangelt): Frauen agieren bei der Berufswahl sorgfältiger. Sie überlegen gut und wägen ab, bevor sie sich bewerben. Männer hingegen bewerben sich gerne auch „auf gut Glück“ und versuchen es einfach einmal. Sie sind forscher, waghalsiger und haben eine höhere Risikotoleranz, wie es Kommunikationstrainer Werner Katzengruber formuliert. Frauen hingegen hinterfragen die eigenen Kompetenzen und betrachten diese differenziert. Sie machen sich vertiefte Gedanken über ihre Passung auf das Profil – manchmal zu sehr. Wenn sie sich dann aber zu einer Bewerbung entschliessen, dann führt das überdurchschnittlich oft zum Erfolg – so wie hier bei Zahnarzt Dr. Löhlein.

Rudolf Elsener: „Wir leben Frauenpower vor!“

Rudolf_Elsener-1489Ist diese überdurchschnittliche Trefferquote ein VBZ-Speziallfall? Oder vielleicht ein Branchenphänomen? Oder lässt es sich in einer vielleicht etwas weniger ausgeprägten Form auch anderswo feststellen? Ich habe nachgefragt. Einer, der es wissen muss, ist Rudolf Elsener. Der Zürcher ist Direktor Deutschschweiz von Kelly Services, der Nummer vier in der boomenden Branche der Personaldienstleister. Rudolf Elsener kennt den Markt wie seine Westentasche und bringt die Erfahrung aus über 20 Jahren im Recruiting mit. Ich habe mit ihm gesprochen.

Ruedi, Bewerbungen von Frauen sind überdurchschnittlich gut – einverstanden?

Rudolf Elsener:Ja, das würde ich unterschreiben, auch wenn ich es letztlich nicht belegen kann. Mir fällt aber auch auf, dass Bewerbungen von Frauen qualitativ hochstehend und oft sehr gewissenhaft sind. Dahinter steckt eine realistische Einschätzung des eigenen Potenzials und der Chancen für den angepeilten Job. Und ja, leider, auch ich stelle fest, dass Frauen tendenziell eher dazu neigen, ihr Können zu unterschätzen. Uns Männern passiert das, nett ausgedrückt, eher weniger. Ich glaube, viele Männer setzen sich bisweilen noch immer stark unter Karrieredruck. Auch, weil sie sich noch immer stark über ihren Beruf definieren. Ich glaube, die Generation Y wird dies in den nächsten Jahren korrigieren, die ticken anders, ihnen sind ganz einfach andere Dinge wichtig. Und bei den Frauen…“

… ja, zurück zum Thema…

Rudolf Elsener: „… beobachte ich auch eine Trendwende. Hintergrund: Frauen haben in Sachen Bildung den Männern den Rang abgelaufen. Das Zukunftsinstitut in Kelkheim bezeichnet sie schlicht als Bildungsgewinnerinnen und liegt damit völlig recht.

Bildungsgewinnerinnen Frauen

Auch in der Schweiz verlassen mittlerweile mehr Frauen als Männer mit einem universitärem Abschluss den Campus. Die Zukunft auf dem Arbeitsmarkt gehört den Frauen. Nein, stimmt nicht, ich muss mich korrigieren, ihnen gehört nicht erst die Zukunft, sondern schon heute begegne ich in meinem Job vielen Frauen, die völlig zurecht selbstbewusst und tough auftreten – und haargenau wissen, was sie drauf haben.“

Auch bei Kellys?

Rudolf Elsener: „Und wie! Wir leben Frauenpower vor. Jörg, schau mal in unsere oberste Führungsriege: Vice President  & Operations Leader EMEA bei Kelly Services: Dinette Koohlhaas. Senior Vice President and General Manager EMEA and APAC bei Kelly Services: Natalia Shumann. Und in meinem Bereich hatte ich vor kurzem zwei Kaderpositionen zu besetzen: Beide mit Frauen, die nun als Branch Manager Männer ablösen. Aber nicht weil sie das „richtige“ Geschlecht haben, sondern ganz einfach, weil sie die Besten waren.“ 

Vielen Dank, Ruedi, für das Gespräch. Und wenn Sie nun, liebe männliche Leser, ein bisschen zerknirscht vor dem Bildschirm sitzen und den guten alten Zeiten nachtrauern… Nicht traurig sein – wir haben ja noch den Bachelor, da ist die gute alte Männerwelt noch in Ordnung („ein superschönes Lachen, total grosse Rehaugen – schliesslich zählen für mich die inneren Werte). Und wem wie mir das nun definitiv zu blöd ist, erhält von mir trotzdem etwas für’s Auge und für die Ohren…

 

Auf Wiederlesen – und ein glückliches neues Jahr!

 

 

 

Kommentare ( 8 )

  • Marc Schönholzer sagt:

    Bei aller Hochachtung für die Frauen und was ihre Bildungskompetenz angeht. Bildungsgewinner sind sie, weil die sozio-pädagogische Ausbildung stark an Gewicht zugelegt hat. Siehe auch den Trend an den Fachhochschulen in der Schweiz. In den traditionellen universitären Lehrgängen überwiegen (noch) die Männer.

  • Andreas Hotz sagt:

    Lieber Jörg.
    Wenn das Stellensuchplakat für Trampilotinnen viermal so gross ist wie das für Trampiloten ist es doch eher eine schwache Ausbeute wenn nur doppelt so viele Pilotinnen eingestellt werden als Piloten.
    Liebe Grüsse
    Andreas

    • Jörg Buckmann sagt:

      Lieber Andreas

      Von dieser Seite habe ich das Ganze noch gar nicht betrachtet bzw. die Rechnung gemacht. Okay… in der Logik würde das somit für die zweite Kampagne, bei der wir nur noch und ausschliesslich Frauen angesprochen haben, bedeuten, dass ein Frauenanteil von weniger als 100% ein Misserfolg wäre. Kann man durchaus so sehen – muss man aber auch nicht unbedingt…

      Ich grüsse Dich herzlich

      Jörg

      • Andreas Hotz sagt:

        Lieber Jörg

        Danke für deine Rückmeldung.
        Selbstverständlich war der Vergleich nicht ganz ernst gemeint.
        Ich schätze deine innovative Herangehensweise sehr und habe grösste Achtung davor.

        Liebe Grüsse
        Andreas.

  • Alexandra Welser sagt:

    Schön, wenn ein Mann für die Frauen eine Lanze bricht.
    Interessant, dass manche Männer sich dadurch anscheinend bedroht fühlen und postwendend Gegenargumente oder Begründungen anbringen müssen….
    Perfekt, wenn wir soweit kämen uns als Menschen zu betrachten, jeder einzelne mit individuellen Stärken und Fähigkeiten.

  • Urs Brügger sagt:

    Meine Hypothese:
    Wird hier nicht auch einfach die Frauenquote aufgebessert? Entscheidet man sich nicht unbewusst für Frauen, da man Gutes tun will?

    • Jörg Buckmann sagt:

      Lieber Herr Brügger, vielen Dank für Ihr Feedback. Ihre Hypothese, ich gebe es zu, ist naheliegend – aber falsch. Richtig ist, dass wir Frauen in der Personalwerbung überproportional ansprechen. Dies ganz einfach deshalb, weil das Berufsbild seit jeher männlich geprägt ist. DER Chauffeur… ist noch so tief drin in den Köpfen. Dabei gibt es keinen Grund, warum nicht mindestens so viele Frauen diesen Job für sich entdecken wie Männer. Sind dann aber die Bewerbungen bei uns, zählen einzig die Eignung für den Job, das Geschlecht ist völlig egal. Ich grüsse Sie herzlich.

      Jörg Buckmann

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