Blog


Von Sekten, der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer und was das mit Employer Branding zu tun hat: Eine Wutschrift.

IMG_0130Employer Branding, das Lieblingswort der HR-Szene, wird gerne als komplexe Wissenschaft dargestellt. Doch im Kern ist die positive Beeinflussung der Arbeitgebermarke, um den Anglizismus mal einfach ein bisschen salopp zu bezeichnen, einfach. Es braucht oft nicht viel, um die Arbeitgebermarke positiv aufzuladen – gesunder Menschenverstand hilft schon mal ganz ordentlich, zum Beispiel, wenn es um den Umgang mit Bewerbern im Auswahlprozess geht, um ein Beispiel zu nennen. Es braucht aber auch wenig, um die Employer Brand zu beschädigen. Zum Beispiel eine grössenwahnsinnige Gewerkschaft mit sektenhaften Zügen. Ein paar Gedanken, ach was, eine ganz persönliche Wutschrift zum Bahnstreik, zu Sekten und der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer und meine Beobachtungen live vor Ort in Köln.

Der öffentliche Verkehr gehört nicht gerade zu den Branchen, welche den Top-Talenten den Schlaf rauben. In den Rankings der üblichen Verdächtigen von G wie Great Place to Work bis U wie Universum findet der öffentliche Personenverkehr meist nicht statt. Mindestens nicht in den Top-Platzierungen. Das hat viel mit Vorurteilen zu tun. Mit der verbeamteten Vergangenheit vieler Unternehmen. Vielleicht ganz einfach auch ein wenig mit Unkenntnis. Doch das etwas biedere Image des öffentlichen Verkehrs wird dieser Branche nicht gerecht, finden viele Talente, die auch in jedem anderen Unternehmen Karriere machen könnten. Menschen, die sich hier mit Leidenschaft und Enthusiasmus dem ökologisch und wirtschaftlich sinnvollen Transport hunderttausender Menschen verschrieben haben.

Employer Branding und Personalmarketing: Der öffentliche Verkehr nimmt Fahrt auf

Gerade auch im Human Resources gibt es einige Unternehmen, die den Kampf gegen stereotype Meinungen in den Köpfen der Arbeitnehmer aufgenommen haben und mit viel Pfiff und Frechmut versuchen, mehr Transparenz zu schaffen und die Arbeitgebermarken zu schärfen. Die mit Herzblut und einem langen Atem versuchen, diese spannende und zukunftsträchtige Branche aus dem Dornröschenschlaf aufzuwecken. Die aufzeigen, dass sich Grosskonzerne wie die Deutsche Bahn oder die Schweizerische Bundesbahnen und mit ihnen viele mittelgrosse und kleine Unternehmen keinesfalls hinter den (vermeintlich) „sexy“-Arbeitgebermarken verstecken müssen. Sie alle arbeiten mit Nachdruck an der Richtigstellung ihrer Arbeitgebermarke, sie machen richtig gutes Employer Branding mit Frechmut und werden dafür nicht selten sogar, zum Teil mehrfachpreisgekrönt.

Arbeitgebermarke: Mutwillig beschädigt, live erlebt

Am Wochenende habe ich am 16. Management Symposium der Stiftung Führungsnachwuchs in Köln referiert. Thema: Mit einem frechmutigen Auftreten die Arbeitgebermarke von ÖPNV-Unternehmungen ins richtige Licht rücken. Grossartig: Mehrere Dutzend Führungs(nachwuchs)kräfte und viele Top-Referenten haben bei allerschönstem Herbstwetter ihr Wochenende in einem klimatisierten Kongresszimmer verbracht, um zu diskutieren, wie die Branche weiterkommt. Das alles hervorragend unterstützt und organisiert vom Verband deutscher Verkehrsunternehmen (VDV). Es herrschte Aufbruchstimmung, ein Treffen unter Gleichgesinnten und hochmotivierten Top-Talenten. Und dann, gleich vor der Tür, das:

Bild

Die Medien waren in diesen Tagen voll an Beiträgen rund um eine kleine Gewerkschaft, die das grosse Deutschland lahmlegt. Eine Gewerkschaft, deren Mitglieder bedingungslos einem in den Medien als „Mao“ titulierten Gewerkschaftsboss folgen, der es gemäss einem Interview in der Welt „beeindruckend findet, Macht zu haben“ – und es ganz offensichtlich geniesst und in vollen Zügen (bzw. leeren Zügen, die standen ja still) auslebt. Das hat für mich fast schon sektenhafte Züge,  zumindest nach der Definition von Wikipdia:

Sekte (von lateinisch secta ‚Partei‘, ‚Lehre‘, ‚Schulrichtung‘) ist eine Bezeichnung für eine religiöse, philosophische oder politische Richtung und ihre Anhängerschaft. Sie bezieht sich auf Gruppierungen, die sich durch ihre Lehre oder ihren Ritus von vorherrschenden Überzeugungen unterscheiden und oft im Konflikt mit ihnen stehen.

Das nervt einfach nur noch, die Bild bringt es auf den Punkt:

Wes

Teamspirit: Entscheidender Punkt bei der Wahl des Arbeitgebers

Einer einzigen Spartengewerkschaft gelingt es, den Ruf eines Unternehmens mit einem fragwürdigen Streikgebahren in Misskredit zu bringen. Und damit auch die Arbeitgebermarke nachhaltig beschädigt. Die Sympathien, welche sich der Koloss unter den Verkehrsunternehmungen Europas mühsam und Schritt für Schritt zu gewinnen versucht, werden mit einem Schlag zunichte gemacht. Verhältnismässig wenigen Eisenbahnern (in der GDL gibt es nur Männer, mindestens suggeriert das deren Homepage) gelingt es, den Berufsstand der Eisenbahnerinnen und Eisenbahnern zu schädigen. Wer, bitteschön, will denn in einem solchen Unternehmen arbeiten, welches – so die Tonart der GDL – seine Mitarbeitenden zu versklaven scheint? Wer möchte in so einem Unternehmen mit solchen unkollegialen Arbeits“kollegen“ arbeiten? Der Teamspirit, das zeigen neueste Umfragen, gehört mit zu den wichtigsten Einflussfaktoren, wenn es um die Wahl des künftigen Arbeitgebers geht.  Das Klima muss ganz einfach stimmen. So was kann man auch schlechtreden und mit berufsgruppenspezifischem Egoismus beschädigen. Irgendwas bleibt immer hängen.

Dialog ist Teil eines guten Klimas

Die GDL wirf der Bahn vor, den Dialog zu verweigern. Wie zynisch: Ich habe selber am Samstag in Köln erlebt, wie Tausende gestrandeter Passagiere die Informationsschalter und alles, was irgendwie nach „Bahn“ ausgesehen hat, mit Fragen gelöchert hat. Mitarbeitende der Bahn haben stundenlang geduldig geantwortet, Kaffee und Getränke ausgegeben und mögliche Lösungen aufgezeigt. Touchpoint Management so gut es eben ging. Ein grosses Kompliment! Unglaublich, was die Mitarbeitenden an den Kundenfront „dank“ ihren so genannten Kollegen anhören mussten. Denn nicht alle nahmen es so gelassen und humorvoll:


IMG_0133Ach so, ja, die GDL war natürlich auch vor Ort – ein kleines Grüppchen versammelte sich weit ausserhalb des Bahnhofes. Genau so weit weg, um einen Dialog gar nicht erst aufkommen zu lassen. Ich bin trotzdem hingegangen, um, ich gebe es zu, meinem Ärger am richtigen Ort Luft zu verschaffen. Ich: „Danke, dass Sie zehntausenden ihr Wochenende mit ihren Familien verderben.“ Ein GDL-Arbeitsmüder: „Das müssen Sie nicht uns sagen“. Ich: „Sie sind doch von der GDL?“ Er: Schweigen…

IMG_0132

Super Dialog. Das passt aber offenbar perfekt zur feigen Kommunikationsstrategie: Die Facebookseite der GDL ist eine geschlossene Gruppe, was die Gewerkschaft aber nicht hindert, auf ihrer Homepage über Social Media Kommentare herzuziehen:

Screenshot offener Brief

Mein ziemlich ernüchterndes Fazit:

Was ist nun mein Fazit, ausser einer riesen Portion Frust? Fünf Punkte:

  1. Solche leichtfertig vom Zaun gebrochenen Streiks wie diesen darf es nicht mehr geben. In einer Demokratie müssen auch die Interessen der Menschen, der Reisenden, geschützt werden. Gilt übrigens auch für die Lokführer der Lüfte, sprich Piloten.
  2. Die Arbeitgebermarke ist Teil der Unternehmensmarke – und dieser somit nahezu auf „Gedeih und Verderben“ ausgeliefert. Nehmen wir uns Personalmarketer also wichtig, aber nicht zu sehr.
  3. Die Arbeitgebermarke strahlt von innen heraus. Innen beginnen, also ein in jeder Hinsicht guter Arbeitgeber für die bestehenden Mitarbeitenden zu sein, ist der erste Schritt zu einer starken Strahlkraft nach aussen.
  4. Gegen systematische und mutwillige Beschädigungen der Arbeitgebermarke durch verantwortungslose und machtgeile Gewerkschaftsbosse ist man – wie Beispiel zeigt – machtlos. Aber…
  5. Nichtsdestotrotz Frechmut beweisen: Dranbleiben. Weitermachen. Trotz allem. Ach was, eine jetzt erst recht Haltung entwickeln! Das wäre ja gelacht, wegen so was einfach aufzugeben…

Auf Wiederlesen.

Eine Art Disclaimer:
Dieser Artikel gibt meine persönliche Meinung wieder. Als Reisender, als Kunde, ALs personalmarketer und als überzeugter Angestellter des öffentlichen Verkehrs. Ich ärgere mich in diesem Artikel speziell über die GDL. Davon abgesehen stehe ich aus Überzeugung ein für eine starke Sozialpartnerschaft mit ebensolchen Gewerkschaften.

Kommentare ( 9 )

  • Steffen Franke sagt:

    Ein Beitrag mit Grips, der allen von GDL und Weselsky Versklavten und Erpressten etwas Mut macht. Danke!!!

    Steffen Franke

  • persobloggerstefanscheller sagt:

    Du hast absolut Recht, Jörg! Sehr häufig unterschätzen Mitarbeiter ihre Macht bzw. ihren Einfuss auf die Arbeitgebermarke. Und gerade der Stolz auf die eigene Firma ist doch so extrem wichig für die Arbeitsmotivation. Geht dieser verloren oder werden Anfeindungen laut, die von innen getriggert sind, dann schlägt das hart gegen die Arbeitgebermarke.

    Und uns HR-Liebenden, die täglich viel Herzblut ins Employer Branding stecken, blutet das Herz… Danke für Deinen prima Beitrag!

  • Thomas Albert Klein sagt:

    Das Streikrecht ist ein sehr hohes Rechtsgut in der BRD. Und das ist auch OK so. Aber: Sparten-Gewerkschaften zeigen uns derzeit, wie hemmungslos sie dieses Recht für Ihre Gruppen-Egoismen m i s s b r a u c h e n. Ich hoffe, dass das Bundes-Gesetzgeber und danach das Bundes-Verfassungsgericht diese Grenzen zum Missbrauch klar definiert.

  • Jakob Frey sagt:

    Danke, ein großartiger Beitrag!
    Ich fürchte nur, dass er von den Verursachern nicht verstanden wird.
    Dennoch, bitte weiter so!

  • Hans Steup sagt:

    Leider konnte ich dank GDL-Streik nicht nach Köln zur Zukunft Personal fahren.

    – Hans Steup, Berlin

  • Ulrich Welzel sagt:

    Als Selbständiger fahre ich 75-80.000 km pro Jahr mit der Bahn, komme zu 98% pünktlich komme und sehe was vom Personal geleistet wird. „Bezahle Deine Dienstleistung und Mitarbeiter sehr gut, dann bekommst Du (AG) auch ein sehr gutes Ergebnis“, sagte schon Tom Peters vor 32 Jahren. Wenn dem nicht so ist, darf jeder AN von seinem Streikrecht Gebrauch machen.

Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Pflichtfelder sind markiert *